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10.09.11 / Wer und was gestaltet die nationale Identität? / Die Masurische Gesellschaft suchte auf ihrem XXI. Kulturfest in Kruttinnen, Kreis Sensburg nach Antworten

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-11 vom 10. September 2011

Wer und was gestaltet die nationale Identität?
Die Masurische Gesellschaft suchte auf ihrem XXI. Kulturfest in Kruttinnen, Kreis Sensburg nach Antworten

In den letzten Maitagen fand in Kruttinnen das XXI. Kulturfest der Masurischen Gesellschaft statt. Hauptpunkt des Kulturfestes war das Seminar „Wer und was gestaltet die nationale Identität der Kinder in Familien mit deutschen Wurzeln?“. Es wurden zehn verschiedene Vorträge gehalten, die zu einer lebhaften Dis­kussion führten. Am Seminar nahmen nicht nur Erwachsene teil, sondern auch Schüler der Oberschulen aus Lötzen und Osterode.

Die deutsche Journalistin Brigitte Jaeger-Dabek stellte in ihren Vorträgen die Gestaltung von Vorbildern und Autoritäten vor dem Hintergrund des umfangreichen ostpreußischen Geschichtspanoramas dar, ab Beginn des 20. Jahrhunderts, als hierzulande drei Sprachen gesprochen wurden – Deutsch, Polnisch und Litauisch. Ihre Beispiele sprechen dafür, dass Muster und Vorbilder der Jugend Eltern, Lehrer, Geistliche und Gutsbesitzer waren – fleißige, ausdauernde, fromme, ehrliche und wahrheitsliebende, also nachahmenswerte Menschen. Mit der Zeit, besonders während der Periode des Nationalsozialismus, erweiterte und änderte sich dieses Spektrum. Schule und Kirche kamen in diesem Bereich hinzu. Katarzyna Danilewska untersuchte den Werdegang von Bräuchen, Sitten und Vorbildern in masurischen deutsch-polnischen Familien am Beispiel von Geschichte und Verhaltensweisen der Mitglieder ihrer eigenen Familie, die Ostpreußen und den ehemaligen polnischen Ostgebieten entstammt.

Darüber hinaus wurden Antworten auf die Frage gesucht, ob Führungskräfte der Gesellschaften Deutscher Minderheit Autoritäten sind, ob sie Vorbilder für die Jugend sein können, die nach ihrer Identität suchen? Mit diesem Thema befasste sich hauptsächlich Joanna Wankowska-Sobiesiak. Sie erinnerte daran, dass „Autorität ein subjektiver Wert sei, für jeden von anderer Bedeutung, der sich unter Milieueinfluss gestaltet, in welchem der Mensch existiert. Hinzu kommen Werte, die die Familie vermittelt sowie persönliche Bestrebungen und Ansichten einzelner Personen“. Wankowska-Sobiesiak meinte: „Meine Gruppierung ist die multinationale Gesellschaft vom Ermland und von Masuren, mit einer beträchtlichen Anzahl von Einheimischen, wie sie auch bezeichnet werden. Daher habe ich eben hier meinen Musterkandidaten gesucht und gefunden – eine Person, die allen Kriterien der Definition gerecht wird. Mein Vorbild ist Walter Angrik (Gründer und erster Vorsitzender der Allensteiner Gesellschaft Deutscher Minderheit). Selbstverständlich kann er Vorbild für die Einheimischen sein. Die einheimische Scholle war ihm heilig. Darauf sollte man sich verwurzeln und daran denken, dass auch Großeltern und Urgroßeltern hier zu Hause waren und Kinder sowie Enkelkinder hier heimisch sein werden … Walter Angrik ist aber nicht nur Vorbild für die Einheimischen. Er ist eine Autorität auch für diejenigen, denen Grundlage einer ethischen Haltung Beständigkeit der Weltanschauung, Festhalten an Idealen und am einst gewählten Lebensweg ist …“

Am Seminar nahm auch Paul Gollan teil, der die erste Gesellschaft der Deutschen Minderheit im Ermland und in Masuren mit Sitz in Bischofsburg ins Leben gerufen hatte. Er stellte eine schön illustrierte Chronik seiner Familie und seiner Tätigkeit für die Deutsche Minderheit vor, die in der Bundesrepublik Deutschland veröffentlicht wurde. Hanna Schoenherr, die sich auf die „Lebensläufe 1945–1956“ („Zyciorysy 1945–1956“) von Bohdan Łukaszewicz stützte, stellte Schicksale von zig Ermländern und Masuren vor, die in früheren Jahren verfolgt und verhaftet wurden, weil sie in Gotteshäusern ihre gewohnten deutschen Lieder anstimmten, deutschen Rundfunk abhörten oder im vertrauten Bekanntenkreis deutsch sprachen. Zahlreichen Ermländern und Masuren brachte der Polnische Oktober 1956 die Freiheit wieder.

Vorträge und Diskussionen veranschaulichten, wie schwierig der Weg der Jugend zur nationalen Identität in deutsch-polnischen Familien ist. Eltern, die selbst kein Deutsch sprechen, animieren sie nicht, Deutsch zu lernen und sich mit deutscher Kultur auseinanderzusetzen. Oftmals wird diese Rolle von der Großmutter übernommen. Schule und Kirche festigen in ihnen das Polentum. Freundschafts-, Schul- und Arbeitskreise stehen dem Deutschtum eher unengagiert gegenüber. Es sei denn, dass Jugendliche Germanistik studieren oder Deutschlehrer sind. Übrig bleiben also Organisationen der Deutschen Minderheit. Nur wenige finden dort ihren Platz und stärken den deutschen Teil ihrer Identität. Wenige suchen auch in diesen Organisationen nach Vorbildern, Autoritäten und Wegweisern ihres Lebens. Ob sie darin welche finden, bleibt dahingestellt.

Weitere Referate sprengten das Hauptthema des Seminars. Detlef Ollesch sprach von „deutschen Sprachinseln in Italien“. Er besuchte die dortige deutschstämmige Bevölkerung und untersuchte, inwieweit die Sprache ihrer Ahnen noch gepflegt wird. Auch die dortige deutsch-italienische Zeitschrift „Dar Foldjo“ nahm er kritisch unter die Luppe.

Dr. Marianne Kopp berichtete über die Bedeutung der Kunstweberei im Schaffen von Agnes Miegel und über die Herkunft der Heimathymnen unterschiedlicher Bundesländer, dazu sang sie etliche Passagen davon und spielte Flöte.

Traditionell wurde der „Tag der Märchen und Legenden“ begangen. Erwachsene und Kinder schauten der Aufführung des Märchens von „Schneewittchen und den sieben Zwergen“ zu, das von Schülern des I. All­ge­mein­bil­den­den Lyzeums aus Osterode gespielt wurde. Schüler der Grundschulen aus Kruttinnen und Aweyden führten das Musikschauspiel „Waldabenteuer“ auf.

Die Begegnung endete mit der Eröffnung der wunderschönen Ausstellung neuester Aufnahmen von Waldemar Bzuras im Museum des masurischen Landschafts­parks, der die Alben „Masuren – vier Jahreszeiten“ und „Masuren – Natur- und Architekturschätze“ herausgegeben hatte.     Tadeusz Willan

Abgedruckt aus „Allensteiner Nachrichten“, Nr. 7 (93) vom 14. Juli dieses Jahres.


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