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17.09.11 / Islamophobie contra soziale Vielfalt / Russen fürchten um ihre Sicherheit − Der Staat setzt auf Programme gegen Fremdenhass

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 37-11 vom 17. September 2011

Islamophobie contra soziale Vielfalt
Russen fürchten um ihre Sicherheit − Der Staat setzt auf Programme gegen Fremdenhass

Die Angst vor Überfremdung ist in Russland eine reale Größe. Die zunehmende Verbreitung rechtsradikalen Gedankenguts zeugt vom Ernst der Lage. Die Regierung versucht, mit Aufklärungsarbeit, sozialen Programmen und Diskussionsrunden dem Fremdenhass entgegenzuwirken, doch bislang überzeugen die Maßnahmen des Kreml die Menschen nur wenig.

„Genau zehn Jahre nach dem Terroranschlag in den USA hat Moskau seine eigene Tragödie“, kritisierte Albir Krganow, erster Vorsitzender der Zentralen Geistlichen Verwaltung der russischen Muslime, den Abriss der historischen Zentralmoschee am vergangenen Wochenende. Seit Jahren wurde der Umbau des Gotteshauses diskutiert, doch nun erfolgte der Abriss mit der Ankündigung, dass an der Stelle eine neue und größere Moschee entstehen soll. Der Bau neuer Moscheen scheitert allerdings zuweilen am Widerstand eines Teils der russischen Bevölkerung. Erst im Herbst 2010 hatten Islam-Gegner per Unterschriftensammlung den Bau einer Moschee in der Moskauer Vorstadt Teks-tilschtschiki gestoppt.

Zwei Tage vor der Moschee-Sprengung hatte Präsident Dmitrij Medwedjew beim internationalen Forum in Jaroslawl gelobt, die Russische Föderation sei ein „einmaliges Beispiel der sozialen, kulturellen und politischen Vielfalt“, räumte aber zugleich ein, dass es ethnische Spannungen durch eine innere Migrationswelle von Süden nach Norden gebe. Um eine Verschärfung der Konflikte zwischen Russen und Migranten vorzubeugen, riet Medwedjew zur Bekämpfung der Armut. Dass die Probleme sich nicht durch kostspielige Programme allein lösen lassen, zeigt die Praxis.

Es gibt nicht nur die von Medwedjew angesprochene Migration aus den kaukasischen Republiken und den zentralasiatischen Staaten Usbekistan, Turkmenien und Tadschikistan, an der Ostgrenze des Riesenreiches drängen Migranten aus Asien ins Land. Der Gouverneur des Gebiets Kamtschatka, Wladimir Iljuchin, wusste sich mit einer rigiden, an Sowjet-Methoden erinnernden Maßnahmen, zu helfen: Weil die Kriminalität unter den Migranten so groß war, ließ er 500 von ihnen kurzerhand in ein „Reservat“ umsiedeln, wo sie rund um die Uhr bewacht werden. Da die örtliche Zementfabrik auf die billigen Arbeitskräfte angewiesen ist, wurde ein Buspendelverkehr eingerichtet. Der Migrationsstrom reißt nicht ab. Allein im Juni wurden in einem Wald südlich von Moskau 40 Illegale verhaftet. Es sind russische Unternehmer, die sie beschäftigen, um die gesetzlichen Sozialausgaben für Einheimische zu sparen.

Demographen schätzen die Zahl der Muslime in Russland auf 20 Millionen. In den Ballungszentren Moskau und St. Petersburg treten Konflikte mit Ausländern offen zutage. Nach einem Fußballspiel kam es zu einer Schlägerei, bei der ein Russe ums Leben kam. Rechtsextreme machten anschließend regelrecht Jagd auf alle Ausländer. Seit dem Terroranschlag auf den Flughafen Domodedowo Anfang 2011, zu dem sich der Untergrundkämpfer Doku Umarow bekannte, der für ein kaukasisches Emirat kämpft, leben 75 Prozent der Moskauer in Angst vor Anschlägen. Die Folge: Alle Gastarbeiter mit südlichem Aussehen werden als potenziell gefährlich angesehen. In der 15-Millionen-Metropole Moskau leben rund zwei Millionen Muslime, für die ganze vier Moscheen bereit stehen. Zu wenig, wie die Muslime meinen. Sie fordern Baugrund für bis zu 40 weitere Moscheen. Besonders an hohen Feiertagen ist der Andrang so groß, dass die Gläubigen ihre Gebetsteppiche einfach auf den Straßen ausbreiten. Die Polizei ist dann gezwungen, ganze Straßenzüge abzusperren. Bei der orthodoxen Mehrheitsbevölkerung kommt das nicht gut an.

Die Toleranzgrenze gegenüber Migranten sinkt weiter. In einigen Moskauer Stadtteilen im Süden und Südosten bilden sich Problemviertel. Die Ghettoisierung wirkt sich auch auf Schulen aus. Übersteigt der Ausländeranteil einer Klasse 15 Prozent, melden Eltern, die es sich leisten können, ihre Kinder an einer anderen Schule an. 70000 Migrantenkinder besuchen Moskauer Schulen. Da diese in der Regel aus sozial schwachen Familien stammen, verfügen die Kinder meist über schlechte Russisch-Kenntnisse, wodurch Unterschiede und Probleme noch wachsen. Experten und Politiker sind sich nicht einig, wie mit der Problematik umzugehen ist. Einerseits benötigt Russland aufgrund der demographischen und wirtschaftlichen Entwicklung dringend Zuwanderung, andererseits müssen sie die Ängste der Bevölkerung ernstnehmen.

Toleranzprogramme, die Einführung eines Schulfachs „Toleranz“ und TV-Werbespots zeigen wenig Wirkung. Vor allem unter Jugendlichen ist die Fremdenangst weit verbreitet. Für Medwedjew und Premier Putin steht das Thema „Fremdenhass“, dem sie sich bisher eher beiläufig gewidmet haben, vor der Präsidentenwahl ganz oben auf der Liste. M. Rosenthal-Kappi


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