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17.09.11 / Politisch verfolgt / Siebenbürger Sachse verarbeitet Erfahrungen in Erzählungen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 37-11 vom 17. September 2011

Politisch verfolgt
Siebenbürger Sachse verarbeitet Erfahrungen in Erzählungen

Hans Bergel ist einer der großen Erzähler unserer Zeit. Dennoch ist er einem eher überschaubaren Leserkreis bekannt, vielleicht weil er sich mit seinem Schaffen thematisch hauptsächlich seiner Heimat Siebenbürgen verschrieben hat. Der 1925 in Rosenau im sächsischen Siebenbürgen geborene Schriftsteller und Essayist lebte in Kronstadt und emigrierte 1968 in die Bundesrepublik Deutschland. Im stalinistischen Rumänien stand er bis Ende der 1950er Jahre mehrmals als politisch Verfolgter vor Gericht und wurde zu längeren Haftstrafen verurteilt. Zuletzt kam er 1964 nach jahrelanger Lagerhaft frei. Über diese Zeit und ihre Auswüchse schreibt er und auch über das Land seiner Kindheit. Mit seinem neuen Erzählband „Die Wildgans. Geschichten aus Siebenbürgen“ hat der 85-jährige Autor seine Kunst unter Beweis gestellt, in kürzester literarischer Form und auf eindrückliche Weise menschliche Schicksale sich vollenden zu lassen, meist vor der Kulisse einer grandiosen Natur. Überwiegend enden die neun Erzählungen betrüblich oder gar schaurig, nur wenige sind von leichterer Natur.

Meist mit von der Partie ist ein Ich-Erzähler, sei es als Betroffener oder Beobachter. Fast wie eine Episode aus dem Wunderanhang einer Heiligenlegende mutet die Erzählung „Der Major und die Mitternachtsglocke“ an. Erstmals hat Bergel seine Erlebnisse im Kronstädter Schriftstellerprozess von 1959 literarisch verarbeitet. Damals wurden er und vier weitere des Hochverrats bezichtigte Rumäniendeutsche zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Es ist die Minute vor der Urteilsverkündung. Die Angeklagten sind restlos erschöpft, da sie 16 Stunden lang von den sich abwechselnden Inquisitoren verhört, beschimpft, verhöhnt und immer wieder im rüdesten Ton unterbrochen worden waren. Der Gerichtsvorsitzende Major Cojocaru, ein kaltschnäuziger Staatsdomestik, beginnt mit der Verkündung des Urteils. Da ertönt der erste Glockenschlag zur Mitternacht vom Turm der nahe gelegenen Schwarzen Kirche und zwingt ihn zum Innehalten. Der Autor und Ich-Erzähler, einer der Angeklagten, blendet hier ein Ereignis des Jahres 1689 ein, als die Kirche bis auf das metallene Taufbecken niederbrannte. Ihn erinnert diese Unterbrechung an ein anderes, höheres Gericht; er wird vollkommen ruhig.

In „Die Kanone und der Heilige“ schlägt der Bauer Tudor Darie scheinbar die Warnung des ebenfalls einsitzenden alten Juden Schalom Rott in den Wind, sich dem „Sog ihrer (gemeint sind die Schergen des Regimes) Logik im faktenlosen Raum“ hinzugeben. Merkt er denn nicht, wie er sich um Kopf und Kragen redet? Bald aber wird klar: Hier geschieht etwas ganz anderes. Tudor Darie hat sich mit seinen Verfolgern solidarisiert, um sich zu retten. Das ist nach heutiger Kenntnis eine gar nicht so selten angewandte Strategie. Es gelingt ihm, seine Häscher in die Irre zu führen, so dass er vor Gericht mit einer milderen Strafe davonkommt als befürchtet. Nach zwei Jahren ist er aufgrund eines allgemeinen Begnadigungsakts ein freier Mann. Von seiner früher vertretenen Behauptung rückt er nicht ab, selbst einem ehemaligen Leidensgenossen gegenüber: sicher ist sicher. Dagmar Jestrzemski

Hans Bergel: „Die Wildgans. Geschichten aus Siebenbürgen“, LangenMüller, München 2011, geb., 175 Seiten, 14,99 Euro


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