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04.02.12 / Sprachlos auf dem Schulhof / Mehrere hundert Roma-Kinder überfordern Berlins Schulen – Tausende noch auf der Straße

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 05-12 vom 04. Februar 2012

Sprachlos auf dem Schulhof
Mehrere hundert Roma-Kinder überfordern Berlins Schulen – Tausende noch auf der Straße

Schüler, die kein Wort Deutsch sprechen, und Eltern, die mangels Sprachkenntnissen auch nicht „erreichbar“ sind. Das sind nur einige der Probleme, mit denen Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) bei einem Besuch von Schulen konfrontiert wurde.

Seit einigen Jahren steigt an mehreren Berliner Schulen die Zahl von Roma-Kindern, die über keine Deutschkenntnisse verfügen. „Wir brauchen jetzt Hilfe von der Bildungsverwaltung“ – Der dramatische Hilferuf des Lehrer-Kollegiums der Hermann-Schulz-Grundschule an Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hatte zumindest schon mal einen Erfolg. Der Besuch der Senatorin lenkte den Blick der Öffentlichkeit auf ein Problem, dem sich immer mehr Berliner Lehranstalten gegenübersehen: Die Zahl von Schülern, die „über keinerlei Deutschkenntnisse verfügten“ (siehe auch Seite 5 und Seite 8), steigen.

Hintergrund ist der lebhafte Zuzug von Roma-Familien aus Bulgarien und Rumänien. Allein in Dezember sind 16 Kinder ohne jegliche Deutschkenntnisse der Reinickendorfer Schule zugewiesen worden. Bereits jetzt existiert dort eine erste Klasse, in der jedes fünfte Kind ohne Deutschkenntnisse den Schulbesuch beginnt. „Auch der begabteste Pädagoge kann unter dieser Voraussetzung keinen für alle Kinder zufriedenstellenden Unterricht durchführen“, heißt es dazu im Brief der Lehrer. Die Forderungen des Lehrer-Kollegiums sind eindeutig: Kleinklassen und mehr Lehrerpersonal, damit die Roma-Kinder überhaupt erst einmal Deutsch lernen können. Bis die Schulsenatorin nun öffentlichkeitswirksam insgesamt drei betroffene Schulen besucht hat, fühlten sich die Lehrer mit ihren Problemen alleingelassen: Erst nach monatelangem Bitten hat der Oberschulrat des Bezirks der Schule nun zeitlich begrenzte Lerngruppen und zusätzliches Lehrpersonal zumindest in Aussicht gestellt.

Auch wenn derzeit der Blick auf die Probleme in Reinickendorf gelenkt wurde, im Bezirk Neukölln sind die Probleme im Zusammenhang mit den Roma-Kindern schon länger und in einer ganz anderen Größenordnung bekannt. Bereits seit dem Jahr 2007, in dem Rumänien und Bulgarien der EU beigetreten sind, verzeichnet der Bezirk wachsende Zuzugszahlen von Roma. Die Neuköllner Hans-Fallada-Grundschule hat 90 Roma-Schüler aufgenommen, wodurch sie bereits 20 Prozent der Schülerschaft ausmachen.

Der nun ins Licht der Öffentlichkeit gerückte Ansturm nicht deutschsprechender Kinder auf Berliner Lehranstalten ist allerdings nur die Spitze eines Eisbergs: Die Befragung eines Quartiersmanagements in Nord-Neukölln ergab, dass mehr als 80 Prozent der rumänischen und bulgarischen Kinder in dem untersuchten Wohngebiet überhaupt nicht zur Schule gehen. Rechnet man diese Zahl anhand der 400 bis 500 Schulanmeldungen von Roma-Kindern hoch, bedeutet dies, dass mehrere tausend Kinder derzeit auf den Straßen Berlins heranwachsen, ohne je eine Schule zu besuchen.

Dieses Drama spielt sich quasi in einer juristischen Grauzone ab. Die Heimatländer der Zigeuner, Bulgarien und Rumänien, sind am Schicksal der Kinder offensichtlich nicht interessiert. Doch solange die Eltern der Kinder nicht polizeilich in Berlin angemeldet sind, unterliegen die Kinder auch nicht der deutschen Schulpflicht, sondern theoretisch der in ihren Heimatstaaten, denen dies offenkundig schnuppe ist.

Sollte der Senat seine bisherige Strategie des Wegschauens beibehalten, dann wächst derzeit in Berlins Straßen sozialer Sprengstoff heran. Eine politische Strategie des Senats in Bezug zum wachsenden Ansturm von Roma ist allerdings nicht erkennbar. Noch vor zwei Jahren wurden in einigen Fällen Geldprämien für die Rück-kehr in die Heimatländer bezahlt. Die Maßnahmen der letzten Zeit deuten indes mehr darauf hin, dass sich der Senat darauf einrichtet, dass Roma zunehmend in der Stadt bleiben werden.

Die damit verbundenen Probleme werden derweil vom Senat weitgehend ignoriert. Nicht nur mit der eigentlich unmöglichen Unterrichtung von 1384 Schülern verschiedenster Nationalitäten, die im Jahr 2011 in Berlin eingeschult wurden, ohne überhaupt Deutschkenntnisse zu haben, fühlen sich die Lehrer alleingelassen. Vor allem im sozialen Brennpunktbezirk Neukölln ist zudem die Sicherheitsfrage an den Schulen zu einem Dauerbrenner geworden. In einer bundesweit einmaligen Aktion ließ der Bezirk seit dem Jahr 2007 an 15 Schulen ein Wachschutzunternehmen für Sicherheit sorgen. Die Kosten, die der Bezirk jährlich aufbringen musste, betrugen immerhin 700000 Euro.

Die Zahl der Gewalttaten an den bewachten Schulen verminderte sich immerhin deutlich – zumindest, bis das Projekt aus Kostengründen im vergangenen Jahr eingestellt wurde. Inzwischen liegt die Forderung auf Fortführungen des Projekts auf dem Tisch. Der traurige Anlass: Anfang Januar entdeck­ten Schüler Drogensüchtige, die gerade dabei waren, sich Spritzen zu setzen, auf der Toilette einer Neuköllner Schule. Die Kosten für einen Sicherheitsdienst, der dafür sorgt, dass keine Fremden auf das Schulgelände gelangen, kann der Bezirk allerdings nicht mehr stemmen – und der Senat fühlt sich nicht zuständig. Norman Hanert


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