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04.02.12 / Aktionismus ist wichtiger als Erfolg / Kaum Fortschritte bei Sprachförderung: Berlin-Institut nennt Gründe und klagt die Politik offen an

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 05-12 vom 04. Februar 2012

Aktionismus ist wichtiger als Erfolg
Kaum Fortschritte bei Sprachförderung: Berlin-Institut nennt Gründe und klagt die Politik offen an

„Der Aktionsplan enthält sehr konkrete, verbindliche Zielsetzungen, Maßnahmen und Zeiträume“, erwiderte die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer (CDU) auf die Kritik an den Ergebnissen des Anfang der Woche abgehaltenen Integrationsgipfels. Doch es gibt viele Hinweise, die den Verdacht nahelegen, dass oft Aktionismus überwiegt. Ein Beispiel:

Als im Jahr 2000 der erste internationale Bildungsvergleichstest vorlag, reagierte die politische Klasse in Deutschland geschockt. Deutschlands Schüler lagen beim Lesen und Schreiben nur im Mittelfeld, vor allem bei den Kindern von Zuwanderern schnitt Deutschland schlecht ab. Völlig überrascht stellte nun auch der Gesetzgeber fest, dass häufig schon die Beherrschung der deutschen Sprache keine Selbstverständlichkeit war. Schnell wurden Programme aus dem Boden gestampft und viel Geld in die Hand genommen, doch nun hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in einer von der Siemens-Stiftung geförderten Studie belegt, dass die Ergebnisse ernüchternd sind.

Die Autoren Tanja Kiziak, Vera Kreuter und Reiner Klingholz haben erfreulich nüchtern zahlreiche Erkenntnisse zur Sprachförderung von Kindern zusammengetragen und verweisen nun darauf, dass offenbar Kinder mit Förderung am Ende nicht bessere Sprachkenntnisse aufweisen als ihre Altersgenossen ohne Unterstützung.

Allerdings machen es sich die Autoren keineswegs leicht und beschreiben nur einen Zustand hin, sie erklären auch schlüssig, wieso viele der Sprachförderkurse nichts bringen. Ob Maria Böhmer die Studie beim Integrationsgipfel dabei hatte, ist zwar nicht bekannt –bisher hat sich kein Politiker zu der Veröffentlichung geäußert –, allerdings haben laut Berlin-Institut einige Ministerien die Untersuchung angefordert.

Dieses beginnt seine Kritik damit, dass es in jedem Bundesland andere Erhebungsinstrumente gebe, um nachzuweisen, wie weit Probleme bei der Beherrschung der deutschen Sprache verbreitet seien. 2009 wurde in Köln bei 30 Prozent der vierjährigen Kinder Sprachförderbedarf festgestellt. In Berlin wurde nur der Bedarf von Vierjährigen untersucht, die in eine Kindertageseinrichtung gingen, und man stellte fest, dass acht Prozent der deutschen Kinder Sprachprobleme aufwiesen, bei dem Nachwuchs nichtdeutscher Herkunft waren es 34 Prozent. In München wurden wiederum Kinder in Kitas eineinhalb Jahre vor der Einschulung getestet und man kam auf einen Förderbedarf bei 46 Prozent der nichtdeutschen Kinder. Und all das, obwohl Politik, Stiftungen und andere Akteure seit Jahren Programme zur Förderung entwickeln. Allein für die Förderung von Kindern in sozialen Brennpunkten stellt der Bund von 2011 bis 2014 400 Millionen Euro zur Verfügung. Doch oft erreiche das Geld die Kinder zu spät, heißt es in der Studie.

Je jünger die Kinder seien, desto leichter lernen sie Sprache. Gerade Kinder aus türkischen Familien würden Zuhause nicht Deutsch lernen, nur in 41 Prozent der türkischstämmigen Familien würde Deutsch gesprochen. Das läge auch daran, dass nur fünf Prozent der Türken Deutschstämmige ehelichen würden, in den Jahren 2000 bis 2004 heirateten noch 36 Prozent der türkischstämmigen Männer und 23 Prozent der Frauen einen Partner aus der Türkei, der des Deutschen nur selten mächtig war. Auch würde der Großteil der Türken nur selten Besuch von Deutschen erhalten oder Deutsche besuchen. Zwar gebe es in entsprechenden Brennpunkten einige Elternprogramme, um sie für die Verwendung der deutschen Sprache im Interesse ihrer Kinder zu sensibilisieren, doch jene Eltern, die man erreichen wolle, würden oft die Möglichkeiten nicht nutzen.

Die Distanz zu den Deutschsprechenden würde dazu führen, dass gerade den türkischstämmigen Kindern das sogenannte deutsche Sprachbad fehle. Denn selbst, wenn sie in einen Kindergarten gehen würden, sei das oft einer, in dem türkischstämmige Kinder die Mehrheit bildeten, so dass auch hier der alltägliche Gebrauch der Sprache fehle.

Die meisten der Sprachförderprogramme müssten also im Kindergarten ansetzen, doch dies sei keineswegs selbstverständlich. Zudem seien die Erzieherinnen für spielerischen Spracherwerb zumeist nicht ausgebildet. Auch würde die Vielzahl der Programme die Orientierung erschweren. Denn außer Angeboten von Staat und Stiftungen hätten auch Verlage den Markt entdeckt. Doch die meisten Angeboten zur Sprachförderung eint eins: Sie wurden nie auf ihren Erfolg hin überprüft.

„Der Nachweis der Wirksamkeit ist erst erbracht, wenn die geförderten Kinder über einen Beobachtungszeitraum hinweg größere sprachliche Fortschritte machen als Kinder“, die nicht gefördert würden, heißt es in der Studie. Aber diese seien aufwändig und teuer. „Zudem verträgt sich die wissenschaftliche Langfristigkeit oft nicht mit politisch vorgegebenen Zeitrahmen ... Außerdem widerstrebt dieses Vorgehen dem Drang nach schnellen Erfolgen.“ So käme es, dass Programme in die Breite getragen würden, deren Wirksamkeit unbekannt sei. Auch kritisieren die Autoren, dass politische Vorgaben oft eine fachliche Diskussion unterminieren würden und Ergebnisse, die nicht den Erwartungen der Politik entsprechen, mitunter nicht oder nur zögerlich veröffentlicht würden. Rebecca Bellano


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