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04.02.12 / Für Gott und die Menschen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 05-12 vom 04. Februar 2012

Für Gott und die Menschen

Nach Edith Stein wurde am 29. Januar eine zweite Konvertitin aus dem Judentum von der katholischen Kirche seliggesprochen. Es handelt sich um Hildegard Burjan, geborene Freund (1883–1933), die Gründerin der Caritas Socialis in Österreich. Hildegard Burjan wurde am 30. Januar 1883 als zweite Tochter des jüdischen Ehepaares Freund in Görlitz an der Neiße, damals zu Preußisch-Schlesien gehörend, geboren. Sie wuchs in einer bürgerlichen Mittelschichtsfamilie im Geist des Humanismus auf. Berufliche Gründe führten die Familie 1895 von Görlitz nach Berlin und 1899 in die Schweiz.

Hildegard begann mit dem Studium der Germanistik an der Universität Zürich. In Berlin studierte sie Sozialökonomie und besuchte zusätzlich auch philosophische Vorlesungen. Schließlich entdeckte sie Franz von Assisi mit seinem Armutsideal als persönliches Vorbild und fand nicht zuletzt durch ihn zum Katholizismus.

1907 heiratete Hildegard den gebürtigen Ungarn Alexander Burjan. Die unerwartete Heilung von einer lebensbedrohlichen Krankheit im Jahr 1909 deutete Hildegard als Fügung Gottes und bewog sie, zum Christentum zu konvertieren. Noch im selben Jahr übersiedelte das Ehepaar Burjan nach Wien, wo Alexander Burjan rasch zu einem führenden Unternehmer aufstieg. Die extremen gesellschaftlichen Gegensätze im Wien der zu Ende gehenden Monarchie waren für Hildegard Burjan schwer auszuhalten. Das Elend und die Not unter den Arbeiterfamilien veranlassten Hildegard Burjan zu ihren ersten sozialen Tätigkeiten. 1912 gründete sie den „Verein christlicher Heimarbeiterinnen“ und sie fasste 1918 im Verein „Soziale Hilfe“ alle Arbeiterinnenverbände zusammen. Für die hungernde Bevölkerung des Erzgebirges startete Hildegard Burjan eine Lebensmittelaktion. Sie rief auch die Familienhilfe im Sudetenland ins Leben. „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!“ – Bereits 1917 sorgte Hildegard Burjan mit dieser Forderung für Aufsehen.

Hildegard Burjan wurde zuerst in den Wiener Gemeinderat berufen, später wählte man sie als erste christlich soziale Abgeordnete der neuen Republik in die „konstituierende deutschösterreichische Nationalversammlung“. Unter den christlich-sozialen Abgeordneten war sie die einzige Frau. Als begnadete Rhetorikerin nannte sie Ungerechtigkeiten beim Namen. Auch in ihrer Protestrede gegen die Bedingungen des Friedens von St. Germain fand sie deutliche Worte: „was man uns ins Land schicken will, ist kein Friedensengel, sondern ein Schreckensgespenst“.

Nach dem Scheitern der rot-schwarzen Koalition 1920 schied Hildegard Burjan aus der Parlamentsarbeit aus. Sie litt auch unter dem in der eigenen Partei sich verstärkt bemerkbar machenden Antisemitismus. Den Sieg der Nationalsozialisten musste Hildegard Burjan nicht mehr miterleben. Sie starb am 10. Juni 1933 im Alter von 50 Jahren an den Komplikationen einer Nierenoperation. Bodo Bost


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