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11.02.12 / Musik eines Engels / Ein Lied verband die beiden Deportierten

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 06-12 vom 11. Februar 2012

Musik eines Engels
Ein Lied verband die beiden Deportierten

Sie standen Schulter an Schulter zusammengedrängt wie Vieh und warteten darauf, auf Lastwagen verladen zu werden. Sie hatten fast nichts an. Man hatte sie geprügelt, gequält. Sie hatten Angst. Zwei unter ihnen waren Musiker; sie war Geigerin, er Pianist, und beide waren ineinander verliebt. Da saßen sie nun in ihrer Blöße zwischen den anderen, allen Blicken ausgeliefert. Ihre Gesichter sahen entrückt aus, als hörten sie eine Musik, die ihre Seelen erfüllte; ihre Versunkenheit ließ sie alle Scham, alle Verletzungen, auch Kälte und Angst vergessen.

Sie erwachen fast gleichzeitig. „Ich habe von früher geträumt, von der schlimmen Zeit der Deportation“, sagt er zu seiner Frau. „Weißt du noch, wie wir uns damals vorgestellt haben, Musik zu hören? Wir hatten unser Lied ausgesucht. Nie wieder war Musik schöner, auch wenn wir sie nur in unserer Seele hörten, nicht wahr. Sie machte uns beinah unverletzlich.“ Sie nickte. „Wir sprachen ja gestern Abend darüber, deshalb habe auch ich geträumt, aber von unserer Befreiung durch die Amerikaner. Und immer wieder höre ich, wie jemand auf einer Mundharmonika blies; es war ein amerikanischer Soldat. Er spielte so falsch, dass ich eine Gänsehaut bekam. Aber für mich war es die Musik eines Engels.“Gabriele Lins


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