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11.02.12 / Trara, das tönt wie Jagdgesang ... / Männlich, kraftvoll, traditionsreich: Einer der erfahrensten Jäger Deutschlands erzählt, wie sehr er seinen Beruf liebt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 06-12 vom 11. Februar 2012

Trara, das tönt wie Jagdgesang ...
Männlich, kraftvoll, traditionsreich: Einer der erfahrensten Jäger Deutschlands erzählt, wie sehr er seinen Beruf liebt

„Den blutigen Wolf und den Eber zu fällen, / Der gierig die grünenden Saaten durchwühlt“ – der Jägerchor aus dem „Freischütz“ besingt schon einen wesentlichen Teil der Aufgaben eines Jägers. Der Vize-Präsident des Landesjagdverbandes Brandenburg, Rüdiger Hörold, spricht im Interview mit der PAZ Klartext statt Jägerlatein. Hochachtung vor dem Wild, praktizierter Naturschutz und die Kunst der Selbstbeherrschung zeichnen diesen uralten Beruf aus. Die Fragen stellte Heinz-Wilhelm Bertram.

PAZ: Herr Hörold, wie viele Tonnen Wildbret haben die deutschen Jäger im Jahr 2011 auf die Verkaufstheken gebracht?

Hörold: Rund 25000 Tonnen. Hinzu kommen 15000 Tonnen Einfuhrwild, hauptsächlich aus Argentinien und Neuseeland, was mehr oder weniger Farmwild war und zu unserem Leid die Preise drückt. Insgesamt steht Wild bei den Konsumenten sehr hoch im Kurs.

PAZ: Wie viele registrierte Jagdscheininhaber befriedigen diesen Kaufwunsch?

Hörold: Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland 350000 Jagdscheininhaber. Das scheint eine hohe Zahl zu sein, es sind jedoch nur 0,43 Prozent vom Bevölkerungsanteil. 240000 Scheininhaber sind im Deutschen Jagdschutzverband (DJV) organisiert. Leider ist der Bayerische Jagdschutzverband zum Jahreswechsel 2009/10 aus der Dachorganisation ausgetreten, was sie 50000 Mitglieder gekostet hat. Leider – denn Einigkeit macht stark.

PAZ: Wieviele Frauen gehen denn auf die Jagd?

Hörold: Der Frauenanteil liegt bei knapp zehn Prozent. Der Umgang zwischen Jägerinnen und Jägern verläuft nach meinem Überblick völlig reibungslos und entkrampft.

PAZ: Wie hoch ist der Anteil der Jäger und Jägerinnen unter 35 Jahren?

Hörold: Er liegt bei lediglich zehn bis 15 Prozent. Das Durchschnittsalter des Jägers beträgt gut 60 Jahre. Keine Frage: Wir Jäger sind überaltert.

PAZ: Warum so wenig Nachwuchs?

Hörold: Einerseits spiegelt das den demografischen Trend wider. Andererseits: Wir wären mehr Jäger, wenn die Hürden für den Einstieg nicht so hoch wären.

PAZ: Was schreckt mögliche Interessenten ab?

Hörold: Die Ausbildung ist sehr kompakt und komplex und dauert bis zu einem halben Jahr. Sie umfasst den schriftlichen und mündlichen Prüfanteil sowie die Schießprüfung. Dass 25 Prozent der Kandidaten nicht bestehen, ist fast normal; in manchen Jahren beträgt der Anteil der Durchgefallenen bis zu 40 Prozent. Nicht umsonst wird die Jagdscheinprüfung gerne „Grünes Abitur“ genannt. Da kommt es uns nicht gerade entgegen, dass die Jugend etwas bequemer geworden ist. Außerdem bläst uns der Zeitgeist ziemlich frisch ins Gesicht.

PAZ: Wie meinen Sie das?

Hörold: Da steht plötzlich eine Frau mit einem Rehkitz im Arm in der Tür, den Tränen nahe, und klagt, das arme Tier habe einsam und verlassen im Gras gelegen. Sie hat natürlich nichts weiter getan, als das Kitz ihrer in der Nähe stehenden Ricke wegzunehmen. Das ist ein völlig absurder, ein katastrophaler Beschützer- und Kuschelwunsch, hervorgerufen durch die Winde des Zeitgeistes. Kuscheln ist schließlich „in“. Es ist auch häufig schwierig für uns, wenn wir zu einem angefahrenen, schwer verletzten Tier gerufen werden. Wo nur noch die Erlösung durch einen Schuss hilft. Da entsteht dann nicht selten Protest und Aufruhr, der sich in einem verqueren Tierschutz begründet. Das ist völlig haltlos. Die Zahl der Wildunfälle ist immens. In der Praxis aber ist häufig der Jäger, der ein schwer verletztes Tier erlöst, Ziel von Anfeindungen.

PAZ: Was ist, trotz alledem, die Hauptmotivation, Jäger werden zu wollen?

Hörold: Erstens die Familientradition, zweitens die Herausforderung, das immer intelligentere Wild im Rahmen christlich-ethischer Gebote überlisten zu wollen, drittens kulinarische Freuden und viertens das Gemeinschaftserlebnis und Geselligkeit.

PAZ: Streben nach Status spielt keine Rolle?

Hörold: Nein! Die Jagd als Statussymbol hat ausgedient. Jedenfalls kann ich das mit Fug und Recht für den Landesverband Brandenburg sagen. Bei uns gehen Menschen aller Berufe auf die Jagd, die Zeiten, da sie allein an den Geldbeutel gebunden war und fast nur Ärzte, Tierärzte, Rechtsanwälte, Großgrundbesitzer oder Politiker auf die Jagd gingen, ist vorbei. Wir sind keine elitäre Gruppe. Wobei es natürlich nicht so ist, dass die Jagd umsonst ist. Ein Jahresbegehungsschein kostet einen Jagdpächter grob gerechnet 500 Euro, und wenn er kostengünstig jagen will, hat er jährlich noch einmal mit gut 2000 Euro für Waffe, Munition, Kleidung und Hund zu rechnen. Das wird aber für andere Hobbies auch schnell ausgegeben.

PAZ: Wie würden Sie das Selbstverständnis des heutigen Jägers umschreiben?

Hörold: Er möchte mit sauberem Schuss ein gutes Bret gewinnen, wobei er stets sehr bewusst im Blick hat, dass er mit seiner Art zu jagen einen gesunden, starken Wildbestand für einen gesunden, starken Wald erhält. Ein guter Jäger wird sehr bedacht abwägen, ob er ein weibliches oder männliches Tier, ein junges oder ein altes schießt. Er ist sich seiner Kraft als Regulator sehr bewusst. Einen Wald ohne Wild aufziehen kann jeder Dumme, Wald und Wild aufziehen ist schwer. Das Schwarzwild muss unbedingt reduziert werden, wir werden sonst richtig staunen, welch schwere Schäden es in der Landwirtschaft noch anrichten wird. Vor diesem Hintergrund erklärt sich von allein, dass es totaler Quatsch ist, wenn behauptet wird, wir Jäger seien das größte Großraubwild.

PAZ: Vor einigen Jahren gab es spektakuläre Angriffe von Tierschützern auf Jäger, deren Hochsitze, zum Beispiel, Ziel von Brandanschlägen waren.

Hörold: Wildtiere sind gewiss keine seelenlose Sache. Wir stellen sie aber dem Menschen nicht gleich, sondern gehen von seinem Recht aus, dass er das Wild zu seiner Existenzsicherung nutzen darf. Nicht wenige von denen, die unseren Schuss verurteilen, fahren nachts mit 120 Kilometern die Stunde auf der Landstraße das Wild zu Tode oder lassen es schwer verletzt zurück. 15 Prozent aller Rehe kommen alljährlich durch Autounfälle ums Leben. Das ist immens. Ich habe einen Riesenrespekt und Hochachtung vor Fledermauspflegern, da darf ich aber auch Respekt vor meinem hoch verantwortungsbewussten Waidwerk erwarten.

PAZ: Was zeichnet, darüber hinaus, den reifen, erfahrenen Jäger aus?

Hörold: Der ältere druckst viel mehr herum, ehe er den Finger krumm macht. Er ist das Gegenteil von ungestüm: ruhig, gelassen, abgeklärt. Waffe, Fernglas, Messer, alles ist ein Teil von ihm, alles liegt nach hundertfacher Erprobung unübertrefflich perfekt in der Hand. In meinem 54. Jahr als Jagdscheininhaber ertappe ich mich zunehmend bei dem Gedanken: Mensch, Fotografieren wäre besser als Schießen. Das wäre noch vor zehn, 15 Jahren undenkbar gewesen. Aber so ist die persönliche Entwicklung. Der reife Jäger sitzt bei Wind und Wetter und Schnee lieber am warmen Ofen und wartet auf eine Neue.

PAZ: Sie geben das Stichwort: Eine „Neue“, das ist gewiss Jägersprache. Was bedeutet das Wort und woher stammt die originelle Jägersprache?

Hörold (lachend): Eine Neue ist frisch gefallener Schnee. Die Jägersprache, die ich sehr liebe, stammt aus der Blütezeit der Jagd, als sie an den Fürstenhöfen angesiedelt war. Damals gab es Spezialisten höchsten Grades als Jäger. Sie kannten das Wild und sein Verhalten exzellent. Um sich erstens abzuheben und sich zweitens zu erkennen, haben sie die wunderschöne Jägersprache geschaffen. Die Ohren etwa sind beim Fuchs das „Gehöre“, beim Reh die „Lauscher“, beim Wildschwein aber die „Teller“; die Augen bei Fuchs und Hase sind „die Seher“, bei Hirsch und Reh aber die „Lichter“; der „Windfang“ ist die Nase des Schalenwildes mit Ausnahme des Schwarzwildes. Diesen Begriffen liegen unübertrefflich scharfe Beobachtungen und denkbar schöne Wortschöpfungen zugrunde. Ihnen haben wir auch Redensarten wie „Auf den Busch klopfen“ oder „Ins Garn gegangen“ zu verdanken.

PAZ: Welche Jagd ist für Sie persönlich die Krönung?

Hörold: Ohne Zweifel die Pirschjagd. Sie ist die anspruchsvollste, egal ob im Neuschnee oder ohne. Zehn Meter lautlos zu pirschen und ein, zwei Minuten reglos ganz still zu verharren und dabei dem Ziel näherkommen – das ist eine Kunst.


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