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11.02.12 / Erholung geht anders / Urlaubsroman von Doris Dörrie

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 06-12 vom 11. Februar 2012

Erholung geht anders
Urlaubsroman von Doris Dörrie

Spanien ist das beliebteste Reiseziel der Deutschen. Fuerteventura, Ibiza, Teneriffa und Mallorca machen Lust auf Sonne, Strand und Meer. Doris Dörries Roman „Alles inklusive“ wirft jedoch lange Schatten auf die vermeintliche Urlaubsidylle. Von leerstehenden Sommerfincas, Baupfusch, trostlosen Bettenburgen, Prostituierten und illegalen Einwanderern ist hier die Rede. In einem Interview sagte die 56-jährige Regisseurin und Autorin: „Das Wahrzeichen von Spanien sollte eigentlich der Betonmischer sein.“ Als Dörrie an der Costa del Sol entlangfuhr, war sie „geplättet von der Verwüstung, die da angerichtet wurde“. Nach einer geplatzten Immobilien-Blase stehen dort heute überall leere „Bauruinen, die selbst der dümmste Deutsche nicht mehr kauft. Und auch nicht der dümmste Engländer.“ Vor dieser Kulisse erzählt die Autorin in ihrem neuen Buch.

Die zwölfjährige Apple verbringt den Sommer 1976 mit ihrer Hippiemutter Ingrid im spanischen Fischerdorf Torremelinos. Da das Geld nicht für ein Hotelzimmer reicht, schlagen die beiden ihr Zelt am Strand auf. Das Lebensnotwendige – Wein, Zigaretten, Hasch und Weißbrot mit Billigwurst – verdient die Mutter mit dem Verkauf von selbstgebasteltem Schmuck. Dörries filmische Erzählkunst zeigt sich nicht zuletzt in ihrer plastischen Beschreibung des Campingabenteuers: „Wir wohnten im Zelt, was ich gehasst habe. Morgens hatten wir im Schlafsack Sand zwischen den Zehen, in der Pofalte, zwischen den Zähnen, und es herrschte eine Hitze im Zelt, als läge man in einer Plastiktüte und müsste ersticken.“ Die Tochter findet ihre chaotische und freizügige Mutter genauso peinlich wie ihren bescheuerten Vornamen. Missbilligend beobachtet sie den Urlaubsflirt zwischen Ingrid und dem verheirateten Bankangestellten Karl Birker, der mit seiner Familie ebenfalls Ferien im Dorf macht – allerdings in einer Villa mit Pool. Die Affäre endet tragisch.

30 Jahre später schenkt Apple ihrer Mutter zur Erholung nach einer Hüftoperation einen All-inclusive-Urlaub in Torremolinos. Entsetzt stellen beide fest, dass der Ort zu einer Betonwüste für Pauschaltouristen verkommen ist. Ausgerechnet hier begegnen alle einander wieder: Karl, sein Sohn Tim, der jetzt Tina heißt, die immer noch rebellische Ingrid und Apple, in deren Leben zwar Ordnung und Sauberkeit herrschen, die aber kein Glück mit den Männern hat.

Dörrie beweist ein Gespür für bizarre Situationskomik und skurrile Charaktere. Die deutsche Urlauberin, die einen afrikanischen Bootsflüchtling heimlich in ihrem Hotelzimmer aufpäppelt und die Wiederbelebung eines ertrunkenen Mopses sind nur einige Beispiele. Die wechselnden Erzählperspektiven geben dem Leser einen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt der verschiedenen Figuren. Ein rührender und zugleich urkomischer Roman über Eltern-Kind-Beziehungen voller Missverständnisse, über Liebe und Freundschaft und über die ewige Sehnsucht nach dem Süden. Sophia E. Gerber

Doris Dörrie: „Alles inklusive“, Diogenes, Zürich 2011, gebunden, 256 Seiten, 21,90 Euro


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