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18.02.12 / Auf der Basis von vorgestern / Ob Montessori, Steiner oder Lietz: Reformpädagogik bedarf zeitgemäßer Analyse

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-12 vom 18. Februar 2012

Auf der Basis von vorgestern
Ob Montessori, Steiner oder Lietz: Reformpädagogik bedarf zeitgemäßer Analyse

Es wird höchste Zeit für eine kritische Betrachtung der Reformpädagogik. Lange genug waren ihre Historie und ihre Visionen unreflektiert hingenommen, ja heiliggesprochen worden. Es gilt zudem die Legende, dass alles, was an Neuerungen in der Pädagogik implementiert wurde, von der Reformpädagogik mit ihrem Einheitsschulgedanken und mit ihrem Ziel ganzheitlicher, ja totaler Erziehung ausgegangen sei.

Die zwischen 1900 und 1920 als Gegenbild zur staatlichen Buch- und Lernschule inszenierte Reformpädagogik ist selbst der Anachronismus, als dessen Überwindung sie sich ausgibt. Schließlich leitet sich Reformpädagogik immer noch von Defizitbeschreibungen der Bildung des ausgehenden 19. Jahrhunderts her – Beschreibungen, die damals teilweise gelten mochten, nicht aber für das 21. Jahrhundert gelten können.

Gleichwohl gibt es „die“ Reformpädagogik schlechthin nicht. Es gehören zu ihr unter anderem: Maria Montessori mit ihrer Casa dei bambini; Rudolf Steiner mit seiner Waldorfschule; Peter Petersen mit seiner Jenaplan-Schule; Hermann Lietz mit seiner Landerziehungsheim-Bewegung beziehungsweise deren Sezessionen, etwa der Odenwaldschule; Célestin Freinet mit der Freiarbeit. Die Reformpädagogik bietet damit und mit anderen Varianten ein vielfältiges Bild, das von völkisch bis sozialistisch, von individualistisch bis kollektivistisch, von metaphysisch bis rationalistisch reicht. Vor allem aber tritt Reformpädagogik nicht selten dogmatisch auf. Man beachte hierzu den Untertitel des 2005 in 4. Auflage erschienenen Standardwerks des in Zürich lehrenden Erziehungswissenschaftlers Jürgen Oelkers: „Reformpädgogik. Eine kritische Dogmengeschichte“. Oelkers nennt reformpädagogische Aussagen „Dogmen“, „weil sie in ihrer erzieherischen Inszenierung kritikfest kommuniziert werden“.

Die Verirrungen reformpädagogischer „Meister“ – nicht selten übrigens studierter, später abgefallener Theologen – wurden bis heute kaum aufgearbeitet. Gerne aber waren Reformpädagogen – gelinde ausgedrückt – politische Opportunisten: Peter Petersen war bekannt wegen seiner Nähe zum Nationalsozialismus; Maria Montessori, vorübergehend Ehrenmitglied der Faschisten, hatte die Nähe zu Mussolini gesucht; Hermann Lietz äußerte sich 1919 in seiner Schrift „Des Vaterlandes Not und Hoffnung“ antisemitisch. Trotzdem vermochten diese Schulgründer über ihren Tod hinaus selbst in einem Land, dessen Staatsräson der Antifaschismus zu sein scheint, gläubige Gemeinden zu formieren. Der Grund für diese Wirkung ist wohl ihr Credo einer „Erziehung vom Kinde“ aus. Das Kind wurde zum Heiligtum befördert; erwachsene Ansprüche galten als Teufelszeug.

Berufen konnte sich die Reformpädagogik auf die Schwedin Ellen Key, die 1900 das Jahrhundert des Kindes ausgerufen hatte. Vergessen freilich schien damals schon Keys „neue Ethik“ auf rassenhygienischer Grundlage sowie ihr Werben für ein entsprechendes Paarungsverhalten. Und noch weiter zurückgreifend, rekurrierten die Reformer auf Jean-Jacques Rousseau mit seiner quasi-religiösen Verklärung der Natur und seiner Proklamation des „edlen Wilden“, der durch die Kultur, zum Beispiel durch Bücher, verbildet werde. Damit war der Grundstein gelegt für anti-autoritäre Erziehung. Hiermit sowie mit Rückgriff auf Platons „pädagogischen Eros“ war die Basis geschaffen für eine Entgrenzung des Verhältnisses zwischen Pädagogen und Zöglingen, die sich etwa in Landerziehungsheimen bald duzten, für die Nacktbaden und Nacktgymnastik Alltag wurden und die unter einem Odenwald-Schulleiter in den 80er und 90er Jahren nicht nur Duschorgien feierten. Eine Art pädagogisches Inzesttabu gab es oft nicht mehr, die Übergänge zur Pädosexualität wurden fließend. Sorgende Liebe (Agape) wurde einem zweifelhaften Verständnis von pädagogischem Eros geopfert. Die Reformpädagogik hat damit, wie das Beispiel der Odenwaldschule zeigt, ihren GAU erlebt. Josef Kraus

Der Autor ist Oberstudiendirektor an einem Gymnasium in Bayern, Diplom-Psychologe und ehrenamtlicher Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.


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