28.01.2022

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18.02.12 / Mit Shows und Schnäppchen perfekt abgelenkt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-12 vom 18. Februar 2012

Moment mal!
Mit Shows und Schnäppchen perfekt abgelenkt
von Klaus Rainer Röhl

Eine Umfrage unter 25000 deutschen Firmen Anfang Februar besagt: Der Wirtschaftsboom geht 2012 weiter. Im Export wurde erstmals die Billion Euro erreicht. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag sieht die deutschen Firmen vor dem nächsten Aufschwung. Die Gewerkschaften auch. Sie wollen jetzt einen kräftigen Schluck aus der Pulle. Sie bekommen ihn auch und den verdaddeln sie wie gewünscht auf dem Binnenmarkt. Für Möbel und Unterhaltungselektronik, Ikea und I-Pad, Flugreisen und Auto-Schnäppchen. Schnäppchen, Schnäppchen, Schnäppchen. Auch die Kanzlerin – die beste SPD-Politikerin, die es je gab – ist nicht blöd. Angst vor dem Verlust der auf den Euro gesetzten Bürgschaften? Ist ja nicht ihr Geld. Und abgerechnet wird nicht vor den nächsten Wahlen.

Während das Massenelend der Welt in Athen erstmals die Grenze zu Europa überschreitet, häuft die Kanzlerin noch einmal Milliarden Euro auf den Spieltisch. Sie spielt, wie jeder einfache Zocker im Casino, das Verdoppelungsspiel, bei Verlust nochmal das Doppelte auf die gleiche Zahl. Aber die Null ist nicht abgedeckt. Nächstes Risiko-Spiel: Die Abschaltung der Kernenergie. Ein Energie-Engpass, der natürlich nicht durch die Wind-Ungetüme an der Küste überwunden werden kann, sondern nur durch noch mehr Gas aus der Russen-Pipeline. Und wenn die Russen das Gas abdrehen oder verteuern? Schon im April werden die Strompreise erhöht, langsam, damit es nicht so wehtut. Abwarten und ablenken.

Gibt es irgendwo in Deutschland wirkungsvollen, also massenhaften Widerstand? Eine gigantische Unterhaltungsindustrie sorgt dafür, dass alle Mitspieler am Ende das Kästchen „Gefällt mir!“ anklicken.

Es stimmt ja nicht, dass Jugendliche und junge Erwachsene vor lauter Computerspielen und Internet kein Fernsehen mehr schauen. Was sie sehen sollen, schalten sie schon ein. „Deutschland sucht den Superstar“, bei dem schalten sich 5,6 Millionen zwischen 14 und 30 ein. Wenn der unsäglich grobe Dieter Bohlen die jungen Bewerberinnen und Bewerber buchstäblich „zur Sau macht“, stöhnt ganz Deutschland aus tiefstem Grund der Seele. Das Dschungel-Camp ging gerade zu Ende, in dem jede erdenkbare Grenze des geltenden Geschmacks ausgetestet wurde. Selber schuld, wer sowas mitmacht, sagen die jungen Fernsehzuschauer und schalten ein. Und bei den reichlichen „Werbeeinblendungen“ – oder ist nicht die Show die Einblendung in die Werbung? – ertönt am Ende der tröstliche Schrei „Ich bin doch nicht blöd!“ Ich hol mir das Schnäppchen.

Während die Suche nach „unserem“ Lied für Baku nun auch in der ARD gelandet ist und die niedlich anzusehenden Teenager englische Schlagertexte unverstanden und unverständlich ins Mikrofon säuseln, während also die Musikindustrie und die Privatsender Deutschlands jeden zweiten Tag „unser“ Lied für Baku aussuchen, bereitet sich die Hälfte Deutschlands auf den Karneval vor; zeitgemäß mit schwulem Karnevalsprinzen und Migrations-Mariechen als erotische Tanzeinlage. Und im Hintergrund trainieren in mit jedem Tag greller und schriller werdenden Werbeklamotten „unsere“ Fußballer für die Europameisterschaften. Auch die sind natürlich nicht blöd und werben an allen Stellen des Körpers für irgendeine Sache, die wir unbedingt kaufen müssen. Deutschland vor, noch ein Tor.

„Es het noch immer jut jegange!“ Soll heißen: „Wird schon alles werden!“, sagt ein Kölner Karnevalslied. Also setzt die Kanzlerin noch mal eine halbe Billion auf Sieg.

Obwohl die Armutsgrenze gerade über die Grenzen Europas nach Athen vorgedrungen ist, in ein Land, dessen Eliten es zugrunde gewirtschaftet und dann mitsamt ihrem Geld (man spricht von 600 Milliarden Euro) verlassen haben. Zurück blieben die kleinen Leute, die jetzt verzweifeln. Die Struktur des Landes wurde durch eine fehlgeleitete Subventionspolitik zerstört. Der griechische Wirtschaftsminister Michalis Chrysochoidis erklärte es Ende der Woche in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: „Während wir mit der einen Hand das Geld der EU nahmen, haben wir nicht mit der anderen Hand in neue und wettbewerbsfähige Technologien investiert. Alles ging in den Konsum. Das Ergebnis war, das jene, die etwas produzierten, ihre Betriebe schlossen und Importfirmen gründeten, weil sich damit mehr Geld verdienen ließ.“

Kann das, was in Griechenland passiert, nicht morgen in Spanien und Portugal geschehen und übermorgen in Deutschland? Wer schützt uns davor, dass die „Global Players“, zu denen wir so gerne gehören wollen, uns selber einmal den Saft abstellen?

Der griechische Ministerpräsident Lukas Papademos sagte am Vorabend der letzten, entscheidenden Parlamentssitzung: „Wir werden nicht aus der Krise kommen ohne Opfer. Wir sind ein stolzes Volk mit Ehrgefühl. Wir kennen uns aus mit Kämpfen unseres Vaterlandes. Und dieses ist heute der Kampf unseres Vaterlandes. Wir kämpfen dafür, unseren Kindern ein Griechenland in Stabilität, Wohlstand und Demokratie, wie wir es die letzten 30 Jahre erkämpft haben, zu übergeben. Patriotisch ist heute, nicht die Schilde wegzuwerfen, sondern vereint die nötigen schweren Entscheidungen zu treffen zur Errettung dieses Landes.“ Die schweigende Mehrheit Griechenlands besinnt sich auf das Vaterland.

Wer soll eines Tages in Deutschland aufstehen in Gefahr und großer Not? Wo man alles zerstört hat, was den Zusammenhalt der Deutschen, ihr Selbstbewusstsein und ihre Kraft auch im Unglück ausgemacht hat, und nur noch die Schnäppchen-Mentalität begünstigt und belohnt wurde. Werden die jungen Deutschen, wenn Deutschland in eine ähnliche Krise gerät wie Griechenland und von ihnen Einschränkungen und Opfer gefordert werden, nur sagen: „Ich bin doch nicht blöd!“?

Wer von unseren Politikern könnte bei einer ähnlichen Krise in Deutschland noch von Vaterland, Patriotismus, Stolz und Ehrgefühl reden, ohne rot zu werden?

Machen wir, die Älteren und die Gebildeten des Landes, die die billigen Vergnügungen und die Schnäppchen-Mentalität aus der Perspektive von Bücherlesern, Theaterbesuchern, Museums- und Opernfreunden manchmal etwas hartherzig von oben herab betrachten, es uns nicht zu leicht? Wer hat denn diese Jugend erzogen, wer sich um die Bildungsfernen ernsthaft bemüht? Haben wir unseren Kindern und Enkelkindern Grimms Märchen vorgelesen und mit ihnen die alten tradierten Volkslieder gesungen, ihnen von der viele Jahrhunderte alten Geschichte und dem Schicksal unseres Volkes erzählt an den langen Abenden? Wie sollen sie wissen, wer sie sind, wenn sie nicht wissen, woher sie kommen? Wie sollen sie ein Vaterland, eine Nation lieben, die sie gar nicht kennen, von der in ihrer Schule nie die Rede war?

Es scheint, dass wir von den heute tief am Boden liegenden Griechen lernen können, auch in der größten Bedrängnis aufrecht zu gehen und sein Land zu lieben. Sein Vaterland. In einem Europa der Vaterländer.

Sie erreichen den Autor unter klausrainer@gmx.de.


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