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18.02.12 / Auch das Deutsche unter Druck / Zum Tag der Muttersprache: Sprachlich-kulturelle Volksgruppenrechte noch nicht selbstverständlich

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-12 vom 18. Februar 2012

Auch das Deutsche unter Druck
Zum Tag der Muttersprache: Sprachlich-kulturelle Volksgruppenrechte noch nicht selbstverständlich

Seit dem Jahr 2000 wird der 21. Februar, einem Beschluss der Unesco folgend, als Internationaler Tag der Muttersprache begangen. Historischer Hintergrund ist das rücksichtslose Vorgehen der pakistanischen Polizei gegen bengalische Demonstranten in Dhaka, die die Ernennung der Urdu-Sprache zur Amtssprache, die lediglich von drei Prozent der pakistanischen Bevölkerung gesprochen wurde, ablehnten. Ihr Eintreten für ihr kulturelles Menschenrecht an jenem Tag im Februar 1952 kostete zahlreiche Menschen das Leben.

Dieser Gedenktag erleichtert es, das Problem des Verstoßes gegen sprachlich-kulturelle Volksgruppenrechte ins Blickfeld zu rücken. Auch heute noch sind diese Verstöße an der Tagesordnung.

Nicht immer muss mangelnde Achtung gegenüber Muttersprachen einzelner Volksgruppen zu einer gewaltsamen Eskalation führen, an deren Ende dann wie im Falle Pakistans gar die Loslösung eines Teils des Staatsgebietes (des heutigen Bangladesch) vom Gesamtstaat stehen kann. Auch wäre es irrig anzunehmen, dass es beim kulturellen Menschenrecht auf die eigene Muttersprache nur jenseits des „glück­lichen Kontinents“ Europa Probleme gibt, etwa bei kleinen endogenen Volksstämmen in Asien, Afrika oder Südamerika – wenn diese Fälle auch häufig von besonderer Härte sind, da sie Hand in Hand gehen mit Terror und Vertreibung sowie den inhumanen Folgen der globalisierten Weltwirtschaft.

Auch Europa ist am Tag der Muttersprache aufgefordert kritisch zu bilanzieren, wie es um die Situation seiner Minderheitensprachen bestellt ist. Dass es die Fähigkeit zu einer kritischen Reflexion gibt, zeigt der jüngst erschienene Bericht des Europarates über die Anwendung der „Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen“ im deutschen Nachbarland Polen. Der Bericht macht deutlich, dass es nicht genügt, eine Minderheitensprache bloß zu erlauben; sie muss zudem aktiv gefördert werden.

Dass die retardierenden, im alten Freund-Feind-Denken steckengebliebenen Kräfte lebendig sind, zeigt wiederum die Reaktion des Minderheitenbeauftragten der Woiwodschaft Oppeln, Marek Mazurkiewicz, der, anstatt die Erkenntnisse des Europarates im Sinne der ihm anempfohlenen polnischen Staatsangehörigen deutscher Nation konstruktiv aufzugreifen, die Ernsthaftigkeit der Studie in Frage stellte, wie die PAZ berichtete (Nr. 3). Man kann nur froh sein, dass die Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien (SKGD) für diesen unkooperativen Akt deutliche Worte fand.

Es wäre zu hoffen, dass sich die SKGD und der Verband der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG) hierbei darauf verlassen könnten, dass ihre wichtige Position in der Debatte genügend Unterstützung durch Deutschland findet – Anlass, sich mit unseren Landsleuten zu solidarisieren und dies zu artikulieren, könnte der Internationale Tag der Muttersprache bieten.

Auch wenn der Bundespräsident derzeit nicht unbedingt glaubwürdig fungieren kann, so gibt es doch genug andere Politiker, die diesen Tag nutzen könnten, im Sinne der Deutschen in den Gebieten jenseits von Oder-Neiße tätig zu werden: etwa Bundeskanzlerin Angela Merkel als Partnerin der polnischen Regierung, Bundesinnenminister Fried­rich, in dessen Aufgabenbereich die deutschen Minderheiten im Ausland fallen; und Bundestagspräsident Norbert Lammert. Dieser hatte vergangenes Jahr eine Petition, die im Wesentlichen die nun im Europarats-Bericht dargestellten Probleme thematisierte, nach ihrer Ablehnung durch den Petitionsausschuss zur erneuten Prüfung angesetzt.

Unabhängig von der Frage, wie auch immer die deutsche Politik sich den Tag der Muttersprache zu eigen machen wird, wäre es wünschenswert, wenn Europa solche bisher vielleicht unterschätzten Anlässe der Kulturpolitik nutzen würde, in der aktuellen Situation neue Kraft zu schöpfen: Eine Staaten- und Völkergemeinschaft im Wesentlichen durch eine Währung künstlich und zwanghaft zusammenzuhalten, hat sich als riskant erwiesen. Um Europa zukunftsfähig zu gestalten, wird es notwendig sein, sich auf sein kulturell vielfältiges Fundament zu besinnen, innerhalb dessen gerade die Volksgruppen und Minderheiten Bindemittel und Brückenbauer eines Europas der Regionen sind. Um dieses interregionale Netzwerk zu erhalten und zu stärken, das überhaupt erst Voraussetzung ist, super- und supranationale Politik mit Leben zu füllen, für die Menschen erlebbar und nachvollziehbar zu gestalten, ist es wichtig, jede einzelne nationale und ethnische Minderheit zu fördern, gerade auch mit Blick auf ihre Muttersprache.

Auch in diesem Sinne sollte den Deutschen in ihren angestammten Siedlungsgebieten östlich von Oder und Neiße, die um Festigung ihrer Identität als Deutsche ringen, am Tag der Muttersprache Beachtung zukommen – Politik und Öffentlichkeit sind gefragt. Tilman Fischer/CR


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