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18.02.12 / »Ohm Willem geiht Stehle keepe Bertke« / Ein Vertellke in ostpreußischem Platt – Eine Geschichte von Ohm Willem und der Tante Bertke

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-12 vom 18. Februar 2012

»Ohm Willem geiht Stehle keepe Bertke«
Ein Vertellke in ostpreußischem Platt – Eine Geschichte von Ohm Willem und der Tante Bertke

Ein Vertellke in ostpreußischem Platt, eine Geschichte von Ohm Willem und der Tante Bertke. Dieses ältere Ehepaar, in einer ostpreußischen Kleinstadt angesiedelt, erlebt zusammen die kuriosesten Geschichten, die vor allem auf ihren gegensätzlichen Charakteren beruhen, die sich in einem langen Alltagsleben noch nicht abgeschliffen haben. Sie stammen, wie schon oben erwähnt, aus meinem Buch „Ohm Willem“, das 1938 im Holzner-Verlag, Tilsit, erschien. Ausgewählt habe ich diese kleine Geschichte:

Ohm Willem geiht Stehle keepe

En Dach käm de Ohm Willem varfroore on varboost noah Huus on wulld sik oppem Stohl flätze, doa moakt es „praksch“ on de Ohm huckd oppe Erd, on de Stohl wär en twee Deele terbroake.

„Noa joa“, gnaddert de Tante Bertke, „keen Wunder nich bi all de fette Werscht on Spirkel, wo eck di emmer moake sull. Platzt de Buuk, höld dat Hemd, oaber nich so e geweehnlicher Stohl, du Dickbrech!“ On de Tante Bertke gluddert dem Ohm an on leggd sik so recht breed en ehrem Stohl torecht. „Praksch“ seggt de oaber ook, on de Tante Bertke huckd ook opp Erd.

„Hähähä“, gnidderd de Ohm on freid sik, denn sin Bertke hadd ook ganz scheen Schmeer oppe Rippe. De Tante Bertke kunnd nuscht segge, denn se hadd sik oppe Tung gebeete. Eck glow, er wär das erscht Moal en ehrem Läwe, datt ehr de Red’ varschloog.

Wie am andre Dach oaber ook noch de drödde Stohl utem Leim ging wäre se sik beide eenig: Wi bruuke niee Stehl! Oaber keene diere Stehl, nä, se mussde billig sen. Doa full dem Ohm en: „Enne Zeitung wart doch mengsmoal wat Jinnstiges angeboade.“ De Tante Bertke kick dem ganz varschroake an: „Ei, kick moal an, wat du far e anschlägsche Kopp hest! Mengsmoal findt ook e blindet Hehn e Koornke!“

Nu kick de se enne Kreiszeitung noah. Doa ward allerhand angeboade: Kinderwoagen on Pölzdecke on Maskeroad var de Faschingstied on wat nich all, oaber Stehle ware keene doabie. Doch am andre Dach hadde si Glöck. Doa stund so ganz kleen gedruckd, datt ganz goode Stehl noch billig to varkeepe wäre.

„Willem“, säd de Tante Bertke, „treck di foorts an on schees man los. On nu pass good opp: Wenn de Stehl bruun send on de Lehn bi di bet tom drödde Westeknopp reekd on bowe vielleicht noch so e Knubbel ös, denn nemmst se.“

„Joa, aober Bertke, du motst mi noch segge, wieviel de Stehl koste sulle? Nachher gäw eck toveel Jeld ut on du bist varboost.“ De Bertke öwerleggt on reekent noah. Dann seggt se: „Fief Mark geffst for eenen Stohl. Merk di dat good, Willem: fief Mark.“

De Ohm nähm sin Mötzke, steckd dat Göld en, dat de Tante Bertke ut ehrem Spoartopp jekroamt hadd on zuckelt aff. Duerd nich lang, hadd he ook de richtige Stroaß gefunde, ook dat röchtge Huuske on klingerd anne Deer. E frindliche Fruu moakd opp, on de Ohm Willem seggd, wat he wull.

On kick, de Ohm häd wörklich Dusel. De Stehl wäre noch sehr scheen, de kleene Kratzer steerde nich, se wäre bruun, reekd dem Ohm bloss e betke äwer dem drödde Westknopp on e Knubbelke hadde se ook – rein wie de ole Stehl. Oaber nu koam de utschlaggebende Froag: „Wat wölle Se denn far de Stehlkes hebbe?“

De Fruu hoow de Schuller: „Na, Herrke, veer Mark fuffzig ware se vor jedem Stehl woll gäwe motte.“

Da drelld de Ohm sik truurig om, nähm sin Mötzke od säd: „Dat deid mi leed, oaber eck kann de Stehl nich nähme. Mine Fru, de Bertke hefft geseggt, eck sull fief Mark gäwe!“ R.G.

Kleine Erklärungshilfe: Stehl = Stühle / Deele = Teile / Spirkel = gebratener Räucherspeck in Scheiben oder gewürfelt / Dickbrech = dicker Bauch / Schmeer = Speck­schicht zumeist am Bauch (Schmeerbauch) / anschlägscher Kopp = kluger Kopf / foorts = gleich / scheesen = eilen.


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