29.01.2022

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
17.03.12 / Paketbote aus der Jungsteinzeit / Sesshaftigkeit, Viehzucht, Ackerbau, Vorratshaltung: Ausgrabungen an der ältesten bekannten Tempelanlage der Welt in Ost-Anatolien

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 11-12 vom 17. März 2012

Paketbote aus der Jungsteinzeit
Sesshaftigkeit, Viehzucht, Ackerbau, Vorratshaltung: Ausgrabungen an der ältesten bekannten Tempelanlage der Welt in Ost-Anatolien

Vor 12000 Jahren, gegen Ende der Eiszeit, wurden aus urzeitlichen Jägern und Sammlern sesshafte Bauern, die Nahrung produzierten und den Anfang menschlicher Zivilisation setzten. Details weiß der Archäologe Klaus Schmidt (*1953), der seit 1995 in „Obermesopotamien“ (heute Ost-Anatolien) den prähistorischen Tempelbezirk Göbekli Tepe ausgräbt, dessen kulturstiftende Bedeutung er als erster erkannte und nun in einem Langzeitprojekt des Deutschen Archäologischen Instituts dokumentiert. Schon 17 Kampagnen hat er hinter sich, Grabungen in Frühjahr und Herbst (weil die Winter zu kalt und die Sommer zu heiß sind), immer mit „tollen Ergebnissen“.

Die Jungsteinzeit oder „Neolithikum“ versah die Urmenschen mit dem „neolithischen Paket“, ohne das die Menschheitsentwicklung nicht weit gekommen wäre: Sesshaftigkeit, Viehzucht, Ackerbau und Vorratshaltung sorgten für Bevölkerungswachstum bei größerer Unabhängigkeit von der Umwelt. Das „neolithische Paket“, so der Professor jüngst bei Vorträgen in Köln und Bonn, wurde nur einmal geschnürt, nämlich vor zwölf Jahrtausenden an seinem jetzigen Grabungsort, der in Landschaft, Klima und den Strömen Euphrat und Tigris die besten Voraussetzungen bot.

Von diesem „fruchtbaren Halbmond“ aus, wie die Region im Norden der arabischen Halbinsel seit jeher heißt, hat die „neolithische Revolution“ ihre „Sogwirkung“ (Schmidt) über die ganze Welt verbreitet: Vor 9000 Jahren auf Vorderasien, vor 6000 auf Amerika, vor 4000 auf Skandinavien und England. Überall nur Weitergaben, nirgendwo eigene Entwicklungen, nicht einmal in Nordafrika und dem Nil-Tal.

„Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang“ sei das Grabungsfeld Göbekli Tepe Besuchern zugänglich, lädt der Archäologe Schmidt freundlich ein und zeigt in Bildern, was es zu sehen gibt: Nur kleinste Teile der unerwartet großen Anlage wurden bislang freigelegt. Sie war nicht für Lebende bestimmt, auch nicht für Tote, Wohnungen und Gräber fehlen, sondern sie diente der Transzendenz, wie Schmidt mit einer „revolutionären“ Deutung behauptet: „Zuerst kam der Tempel, dann die Stadt.“

In den bislang ausgegrabenen vier Feldern fanden sich viele monolithische Pfeiler in T-Form, bis 20 Tonnen schwer und zehn Meter hoch, die Schmidt als stilisierte Menschendarstellungen sieht, oft in Kreisen angeordnet, Arme und Beine in Linien angedeutet. Detaillierte Erkenntnisse fehlen noch, denn, so Schmidt, „jede neue Antwort wirft zwei neue Fragen auf“.

Viele Statuen tragen Reliefs von Tieren, was Schmidt mit christlichen Darstellungen von Drachentötern vergleicht. Tatsächlich sind die Reliefs von Göbekli Tepe zoologisch korrekter und bilden einen „Atlas“ der Urformen von Tieren und Pflanzen, deren Domestizierung den Menschen sesshaft werden ließ: Gazellen, Auerochsen, Schafe, Wildschweine (mit beeindruckenden Hauern), Füchse, Hyänen, Vögel. Dazu lebensgroße Menschenköpfe aus Kalkstein und Reste von Knochen und Pflanzen, die Paläozoologen beschäftigen: Ideal für Zeitbestimmungen wären verkohlte Rückstände, „aber Feuer gab es noch nicht“ (Schmidt).

Um 8000 v. Chr. ging die Göbek­li-Tepe-Kultur plötzlich unter, die Menschen hatten nun „andere Vorstellungen und andere Riten“. Unverändert bleibt allein die Arbeit der Archäologen: Sie rekonstruieren Umweltbedingungen aus dem Nebel der Geschichte. Das ist per se schwierig, zumal in der Türkei: Die hat kein Interesse daran, Göbekli Tepe zum Weltkulturerbe zu machen, auch nicht Schutzvorkehrungen für Grabungsstätten zu treffen. Die Archäologen halten sich streng an das türkische Gesetz, das grabungswilligen Ausländern enorme Gelder abknöpft – alljährlich zu zahlen. Schmidt gibt sich gelassen; er habe noch zwölf Jahre Zeit, in denen er noch vieles zu entdecken hoffe. Unter den Bonner Zuhörern hieß es, die Türken wollten ihn „heraushebeln“, weil sie von anderer Seite bessere Angebote hätten.     Wolf Oschlies


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabobestellen Registrieren