26.01.2022

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
31.03.12 / »Die Staatskasse ist absolut leer« / Am Ende der Regentschaft des »Sonnenkönigs« Ludwigs XIV. war Frankreich de facto pleite

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-12 vom 31. März 2012

»Die Staatskasse ist absolut leer«
Am Ende der Regentschaft des »Sonnenkönigs« Ludwigs XIV. war Frankreich de facto pleite

Das „Sonnenkönigtum“ des „Sonnenkönigs“ hatte seinen Preis. Zum Ende der Regentschaft Ludwig XIV. von Frankreich wurden die Schulden seines Staates auf über zwei Milliarden Livre geschätzt. Die jährlichen Zinsen beliefen sich auf 90 Millionen Livre, rund 50 Prozent der Steuereinnahmen muss­ten also für Zinsen aufgewendet werden.

Grobe Schätzungen über das französische Volkseinkommen Anfang des 18. Jahrhunderts schwanken zwischen 1,2 und 2,4 Milliarden Livre. Gemessen am Volkseinkommen ergäbe sich damit eine Verschuldung zwischen 83 und 167 Prozent – heute würde man von griechischen Verhältnissen sprechen.

De facto war der Staat also pleite, weil auch die zukünftigen Staatseinnahmen bereits als Pfand veräußert worden waren. 1717, also zwei Jahre nach dem Tode des Sonnenkönigs, äußerte sich der Präsident des Finanzrates, Adrien Maurice, Herzog von Noailles (1678–1766), zu der französischen Finanzlage wie folgt: „Die Staatskasse ist absolut leer und die von den Hauptsteuereinnehmern eingegangenen Schulden sind dermaßen hoch, dass sie den königlichen Staatsschatz bis 1718 vollständig aufzehren werden.“

Heute wie damals hatte die Schuldenkrise des Staates bald auch realwirtschaftliche Folgen. Da der Staat kein Geld mehr hatte, seine Gläubiger zu bedienen, konnten die Gläubiger auch nicht mehr die Lieferanten befriedigen; diese wiederum blieben auf ihren Forderungen sitzen. Folglich stiegen die Zinsen auf zweistellige Höhen, Kredite wurden noch teurer, Investitionen noch unattraktiver. Nach und nach geriet das Vertrauen in das „System“ insgesamt ins Wanken. Das wenige Geld, das noch im Umlauf war, wurde lieber gehortet, anstatt es zu investieren, so dass das Geld wiederum knapper wurde; die Preise verfielen und so setzte eine deflationäre Entwicklung ein. Bauern und Adel waren gleichermaßen ruiniert, die Böden in der Landwirtschaft blieben unbestellt und das Handelsvolumen ging drastisch zurück.

Statt nun in dieser Situation den allgemeinen Bankrott zu verkünden, versuchte man es mit anderen Mitteln, die unschwer an die heutige Euro-Krise erinnern: Am 7. Dezember 1715 gab man neue Anleihen, namens „billets d’état“ aus, machte einen Schuldenschnitt in Höhe von 66 Prozent bei Anleihen von knapp 600 Millionen Livre. Die Verzinsung der langfristigen Anleihen wurde auf vier Prozent gesenkt. Zudem bildete man am 24. März 1716 eine Justizkammer für Steuersünder. Zwar wurde gegen 8000 Personen ermittelt und die Hälfte von ihnen auf Steuernachzahlungen von insgesamt 220 Millionen Livre und zu Gefängnis- und Galeerenstrafen verurteilt, doch auch diese Institution wurde Opfer der verbreiteten Korruption. Die Wohlhabenden erkauften sich derart viele Sonderregelungen, dass tatsächlich nur 95 Millionen Livre Steuern nachgezahlt wurden, zudem in Form der abgewerteten Rentenpapiere. Die flächenmäßige Verfolgung der „Steuersünder“ bremste die Wirtschaft insgesamt aus. Die Handels- und Finanzgeschäfte nahmen ab; das Geld wanderte ins Ausland oder wurde gehortet. Schließlich schloss man die Justizkammer nach nur einjährigem Bestehen im März 1717. Das Vertrauen in die Währung und den Staat war gebrochen und die nach wie vor prekäre Lage rief nach einem Glücksspieler und Finanz­jong­leur wie John Law, der die Behebung aller Finanzprobleme des Staates innerhalb kurzer Zeit versprach.

Soweit hatte es kommen können, weil die Einnahmen wegen eines korrupten Steuersystems (siehe Kasten) zu niedrig waren und die Ausgaben zu hoch: Zwei Kriege, der Pfälzische Erbfolgekrieg (1688–1697) und der Spanische Erbfolgekrieg (1701–1713) bluteten die französische Volkswirtschaft finanziell aus. Die Kriege verschlangen Unsummen an Geld und ein Großteil der Kosten wurde „auf Pump“ finanziert. In der Zeit des Spanischen Erbfolgekrieges waren die Staatsausgaben von 175 auf 264 Millionen Livre angewachsen. Hinzu kam der extravagante, prunksüchtige Lebensstil Ludwigs XIV., wobei Bauprojekte wie das Schloss von Versailles nur die Spitze des Eisberges bildeten. So lagen die Staatsausgaben im Todesjahr des Königs, als der Krieg bereits beendet war, noch bei 146 Millionen Livre. Und das bei Einnahmen von nur 69 Millionen Livre. Hinrich E. Bues / Mareike C. Bues


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabobestellen Registrieren