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21.04.12 / Ungewöhnlicher Vermittler / Al-Dschasira eint Balkan über gemeinsamen Nachrichtensender

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 16-12 vom 21. April 2012

Ungewöhnlicher Vermittler
Al-Dschasira eint Balkan über gemeinsamen Nachrichtensender

Und was war letztes Wochenende auf dem West-Balkan los? Dort wird der Strom deutlich teurer, da der Verbrauch um fünf Prozent jährlich stieg. Der slowenisch-kroatische Streit um die Seegrenze im Golf von Piran ist nicht überstanden, er geht 2013 in seine heiße Gerichtsphase. Franzosen bauen den neuen Flughafen von Zagreb. Bosniens Staatsunternehmen sind hoch verschuldet. Sloweniens Industrie- und Güterproduktion ging um knapp sieben Prozent zurück. Der öffentliche Sektor Serbiens hat dreimal mehr Beschäftigte als im EU-Durchschnitt. Im Kosovo gab es erneut albanische Übergriffe auf serbische Klöster und Reisegruppen. Und was der Medienriese Al-Dschasira sonst noch meldete, der gerade seine dritte „Häutung“ erfolgreich absolviert hat.

Der Sender Al-Dschasira („Insel“) startete 1996 in Doha (Katar) als Besitz des katarischen Emirs, der den Sender mit Millionenzuwendungen als „ersten unabhängigen Nachrichtenkanal Arabiens“ betrieb. Im März 2006 kam ein englisches Programm hinzu, samt Ausweitung zum „Al-Dschasira Network“. Seit dem 11. November 2011 ist „Al-Dschasira Balkan“ auf slawischer Sendung, vom bosnischen Sarajevo aus, mit Studios in Belgrad, Zagreb und Skopje. Die Wahl Sarajevos als Zentrale gilt als Tribut an Bosniens Muslime, was jedoch irrig ist: Al-Dschasira ist eine weltlich-internationale Station und zudem wollen die bosnischen Muslime keine religiöse Propaganda, wie 1997 das Bosnisch-Muslimische Radio Hayat zeigte, das nur überlebte, weil es sich rasch säkularisierte.

Al-Dschasira Balkan erinnert entfernt an „Russia Today“, das seit 2005 auf Englisch erfolgreich Imagewerbung für Russland betreibt.  In Sarajevo will man ein ex-jugoslawisches Auditorium aufklären – in ihrer einstmals gemeinsamen Sprache „Serbokroatisch“. „Wenn auf dem Balkan über Sprachen debattiert wird, werden auch Messer gewetzt“, sagte einst Milovan Djilas, und das will Al-Dschasira nach Bürgerkrieg und nationalistischer Entzweiung widerlegen. Dafür hat es 2010 den bosnischen TV-Sender NTV 99 für 1,2 Milliarden Euro gekauft, ihn mit 15 Millionen Euro modernisiert, 40 Journalisten eingestellt und sie nach BBC-Standards gedrillt, das Unternehmen zwei erfahrenen Fahrensmännern unterstellt – Tarik Dodic, Ex-Chef der bosnischen Handelskammer, und Goran Milic, legendärer Nestor des jugoslawischen und bosnischen Journalismus – und dann gelassen gewartet, dass alle diese Vorleistungen im politisch zerrissenen und journalistisch unterentwickelten balkanischen Umfeld wirken werden.

Der Balkan wartet auf Initiativen wie Al-Dschasira, nachdem eigene Versuche wenig fruchteten: Im September 1991 entstand in Belgrad die Wochenzeitung „Vreme“ (Zeit), die „die besten Federn des Balkan vereinen“ wollte und bis heute lebt, ohne ihr Ziel erreicht zu haben. Ähnlich erging es „Danas“ (Heute) aus Zagreb, „Reporter“ aus Banja Luka, „Puls“ aus Skopje, „Radio Kosovo“ aus Pristina und anderen.

Das kann Al-Dschasira besser, da es souverän davon ausgeht, etwa 30 Millionen Hörer und Zuschauer zu erreichen, die alle ein und dieselbe Sprache sprechen. Was ja auch zutrifft: Umfragen in Kroatien besagen, dass keiner „Bosnisch“ oder „Serbisch“ als Fremdsprache empfindet, und Al-Dschasira tut es schon gar nicht. Das macht den Sender attraktiv für Marketing-Agenturen, deren Kampagnen den ganzen West-Balkan erreichen und mit Al-Dschasira klotzen statt mit Ministationen kleckern wollen. Exakte Recherche, neutrale Präsentation, sprachlicher Charme sind Al-Dschasiras Erfolgsgeheimnis. Minimale phonetische Unterschiede regionaler Sprachkonventionen werden geradezu dramaturgisch eingesetzt, und weil es so gut klappt, plant Al-Dschasira neue „Häutungen“ hin zu Türkisch, Suaheli und anderen Idiomen. Wolf Oschlies


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