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21.04.12 / Als Postminister fühlte er sich am wohlsten / Das »parlamentarische Urgestein« Richard Stücklen gilt als Vater der Handwerksordnung und der vierstelligen Postleitzahl

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 16-12 vom 21. April 2012

Als Postminister fühlte er sich am wohlsten
Das »parlamentarische Urgestein« Richard Stücklen gilt als Vater der Handwerksordnung und der vierstelligen Postleitzahl

Bundestagspräsident Richard Stücklen verkörperte ähnlich wie sein Parteifreund Bundespräsident Roman Herzog die bayerische Gemütlichkeit in der Politik. Sein Vorschlag, jedem Abgeordneten ein „politikfreies Wochenende“ im Monat zu gönnen, und seine ständige Suche nach einem Konsens gehören dazu ebenso wie der Titel seiner Memoiren: „Mit Humor und Augenmaß. Geschichten, Anekdoten und eine Enthüllung“. Bundestagspräsident Stücklen besaß nicht die Intellektualität eines Bundespräsidenten Herzog, der als Nachfolger des schneidig, elitär und auf manche gar eitel wirkenden Freiherrn Richard von Weizsäcker die „Unverkrampftheit“ fast zum weltanschaulichen Gegenmodell erhob. Nichtsdestotrotz sollte man den Politiker Stücklen nicht unterschätzen. Immerhin war der am 20. August 1916 in Heideck geborene Franke jeweils der Jüngste, als er 1949 Abgeordneter des ersten Bundestages und 1957 Bundesminister des dritten Kabinetts von Bundeskanzler Konrad Adenauer wurde. Und sich 41 Jahre im Bundestag zu halten, soll ihm auch erst einmal einer nachmachen.

Richard Stücklen war ein Apfel, der nicht weit vom Stamm fiel. Sowohl sein Vater als auch sein Onkel betrieben Politik. Der eine war Bürgermeister und Landtagsabgeordneter, der andere Mitglied des Reichstags. Als 1945 in Bayern die CSU gegründet wurde, waren Vater und Sohn Stücklen dabei. Nach seinem Einzug in den Bundestag als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Weißenburg wurde Richard Sprecher seiner Fraktion für Wirtschafts- und Verkehrsfragen. Besonders widmete er sich der Handwerksordnung, als deren Vater er bis heute gilt. Im selben Jahr, in dem diese in Kraft trat, 1953, wurde er stellvertretender Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Bundestag.

Stücklens Engagement in der Mittelstandspolitik kommt nicht von ungefähr. Wie in der Politik fiel auch im Beruf der Apfel nicht weit vom Stamm. Der Sohn eines Schlossermeisters erlernte das Elektrohandwerk und war in diesem Beruf auch tätig. Nebenher absolvierte er ein Fernstudium der Ingenieurwissenschaften, Fachrichtung Elektrotechnik. Ab 1936 diente er erst beim Reichsarbeitsdienst und anschließend bei der Wehrmacht. Den Kriegsdienst ab 1940 beendete 1943 eine Dienstverpflichtung in der Elektroindustrie. 1944 schloss er sein Elektroingenieurstudium am Technikum Mittwaida in Sachsen ab und übernahm dann die Leitung einer Abteilung bei der AEG im sächsischen Freiberg. Als dieser Betrieb 1945 von der sowjetischen Besatzungsmacht demontiert wurde, wechselte er in die elterliche Schlosserei in Heideck. 1952 gründete er mit anderen die BMS Ingenieurgesellschaft mbH & Co. KG, zu deren Gesellschaftern er bis 1989 gehört hat.

Nach der Wahl zum dritten Bundestag holte Adenauer den stellvertretenden Vorsitzenden der CSU-Landesgruppe als Bundesminister für das Post- und Fernmeldewesen in sein Kabinett. Es folgte die nach Stücklens eigener Aussage schönste Phase seiner Politikerlaufbahn. Er führte die vierstelligen Postleitzahlen ein und trieb die Ersetzung des „Fräuleins vom Amt“ durch den Selbstwählbetrieb voran. Es war denn auch weniger Amtsmüdigkeit oder Unfähigkeit als der Konfessionsproporz, der nach zwei Legislaturperioden 1966 die Amtszeit des Katholiken beendete.

Von Franz Josef Strauß, der in Kurt Kiesingers Kabinett der Großen Koalition Bundesfinanzminister wurde, übernahm der Abgeordnete Stücklen den Vorsitz in der CSU-Landesgruppe. Bei der Bundestagswahl 1976 gehörte der Christsoziale zu Helmut Kohls Schattenkabinett. Nach der Wahlniederlage der Union wechselte Stücklen in das eher protokollarisch als politisch bedeutende Präsidium des Bundestages. Erst wurde er einer der Stellvertreter Karl Carstens, nach dessen Wahl zum Bundespräsidenten 1979 selber Bundestagspräsident. Öffentliche Kritik erntete der ansonsten wegen seines Konsensstrebens auch beim politischen Gegner beliebte Präsident, als 1982 bekannt wurde, dass seine BMS Ingenieurgesellschaft mbH & Co. KG mit Planungsarbeiten für den Neubau des Bundestagsplenarsaals in Bonn betraut worden war.

Nach der zehnten Bundestagswahl im darauffolgenden Jahr 1983 wurde aus dem Präsidenten wieder ein Vizepräsident des Bundestages. Ein derartiger Rück­tritt eines Parlamentspräsidenten ins zweite Glied ist nach einer verlorenen Parlamentswahl durchaus normal. In diesem Falle hatte Stücklens Union jedoch die Wahl gewonnen, ihm aber Rainer Barzel als Präsidenten des Bundestages vorgezogen. Das soll Stücklen nur schwer verkraftet haben, was sich unschwer vorstellen lässt.

Aus seiner zweiten Amtszeit als stellvertretender Bundestagspräsident wird vor allen Dingen sein Zusammenstoß mit den Grünen während einer von ihm geleiteten Plenarsitzung in Erinnerung bleiben, der in Joschka Fischers süffisanten Worten gipfelte: „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch!“ Ansonsten verlief die Amtszeit ruhig. 1989 nahm Stück­len sein 40. Abgeordneten-Jubiläum zum Anlass, seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur für den Bundestag zu erklären. 1990 schied er aus dem Bundestag aus.

Dem Politiker, der einmal der zweite Mann der Bundesrepublik war, blieben noch ein Dutzend Jahre des Ruhestandes. Am 2. Mai 2002 starb Richard Stücklen nach langer Herzkrankheit in einem Krankenhaus in Weißenburg.   M.R.


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