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21.04.12 / Unfall mit Folgen / Schicksal bringt Erkenntnis

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 16-12 vom 21. April 2012

Unfall mit Folgen
Schicksal bringt Erkenntnis

In ihrem Roman „Mehr als nur ein halbes Leben“ gelingt es der Autorin Lisa Genova, den Leser tief anzurühren. Auch hier geht es wie in ihrem Erstling um eine positive Lebenseinstellung trotz gesundheitlichem Handicap.

Sarah Nickersen ist beruflich äußerst erfolgreich. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei kleinen Kindern in einem kostspieligen Haus in Welmont und ist pausenlos entweder beruflich für ihre Firma oder privat für ihre Familie beschäftigt. Erst ein Verkehrsunfall auf dem Weg zur Arbeit nötigt sie, aufgrund der Unfallfolgen ihr Leben drastisch zu entschleunigen. Ein Drama für die Karrierefrau, die stets an sich selbst die höchsten Ansprüche stellte: „Ich beginne, den Salat mit Hühnchen zu essen, den mir meine Assistentin zum Mittagessen bestellt hat, während ich das Büro in Seattle anrufe. Während ich Salat kaue und das Telefon klingelt, beginne ich, die E-Mails zu überfliegen, die sich in meinem Posteingang angesammelt haben. Der Geschäftsführer nimmt ab und bittet mich um ein Brainstorming … Ich unterhalte mich mit ihm, während ich abwechselnd Antworten auf ein paar E-Mails aus England zu Leistungsbeurteilungen tippe und meinen Salat esse. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann ich gelernt habe, zwei völlig verschiedene berufliche Gespräche auf einmal zu führen. Doch ich tue es schon lange, und ich weiß, dass es keine gewöhnliche Kunst ist, nicht einmal für eine Frau.“

Als Sarah nach dem Unfall im Krankenhaus erwacht, ist die recht Seite ihres Schädels rasiert, die Ärzte erzählen ihr, dass sie durch die Schädigung der rechten Gehirnhälfte nun an einem linksseitigen Neglect leiden würde, ihre linke Körperhälfte ist für sie genauso wenig existent wie die Vorstellung, dass überhaupt ein „links“ existiert. Lange versucht Sarah, die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen, plant möglichst bald wieder ihre 72-Stunden-Woche in der Firma aufzunehmen. Bei dem für einen gesunden Menschen simplen Versuch, eine Dose Cola aus dem Kühlschrank zu nehmen, wird Sarah jedoch von der Realität eingeholt. Sie begreift, dass sie mit den durch den Neglect bedingten Einschränkungen ihren Multitasking-Job unmöglich je wieder wird bewältigen können. Zahllose Niederlagen muss Sarah bei den Verrichtungen ihres Alltags einstecken. Sie kann sich weder allein anziehen noch duschen, und da sie ohne fremde Hilfe die linke Seite ihres Mundes nicht finden würde, hilft ihr Mann Bob ihr sogar bei der Zahnreinigung. Häufig merkt Sarah erst an der Reaktion ihres Umfeldes, dass ihre linke Körperhälfte ohne ihr aktives Zutun Faxen macht.

Gummizughose statt Designeranzug, Gehstock und Schuhe mit rutschfester Gummisohle statt Pumps: Sarahs positive Lebenseinstellung gestattet ihr jedoch, auch die guten Dinge, die seit ihrem Verkehrsunfall geschehen sind, wahrzunehmen. Nicht nur, dass ihre Mutter nach Jahren der Funkstille wieder in ihr Leben zurückgekommen ist, um sie zu unterstützen, sondern sie lernt es auch zu schätzen, wie wundervoll es ist, Zeit für ihre Kinder und für sich selbst zu haben. Sarah gelangt, nicht nur aufgrund der körperlichen Behinderung, an eine Wegkreuzung ihres Lebens, und die Entscheidung in welche Richtung ihr Leben verlaufen soll, liegt ausschließlich bei ihr.                V. Ney

Lisa Genova: „Mehr als nur ein halbes Leben“, Bastei, Köln 2011, broschiert, 384 Seiten, 16,99 Euro


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