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05.05.12 / Zurück in die Heimat / Brandenburg und Sachsen verbuchen erstmals mehr Zuwanderung – Die Hälfte der »Neuen« sind Rückkehrer

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 18-12 vom 05. Mai 2012

Zurück in die Heimat
Brandenburg und Sachsen verbuchen erstmals mehr Zuwanderung – Die Hälfte der »Neuen« sind Rückkehrer

Schon seit einigen Jahren versuchen Landesregierungen im Osten gen Westen gezogene Landeskinder zu einer Rückkehr zu bewegen. Sie werden als Fachkräfte dringend gebraucht.

Am Wochenende geht es für die 28-jährige Verwaltungsangestellte Stefanie wieder vom Norden Hamburgs in ihr Heimatdorf an der mecklenburg-vorpommerschen Ostseeküste. Schließlich leben dort ihre Eltern und ihre Schwester samt Schwager, die vor kurzem ihr zweites Kind bekommen haben. Zudem wohnen dort auch noch viele alte Freunde aus Schulzeiten. Und wenn sie nicht dort wohnen, dann pendeln sie auch oft von ihrem Arbeitsplatz im Westen zurück in den Osten der Republik. Insgesamt pendeln 76000 Einwohner von Mecklenburg-Vorpommern zum Arbeiten über die Landesgrenzen. Wobei Pendler wie Stefanie, die ihren festen Wohnsitz offiziell im Westen haben, sich dort aber nicht zuhause fühlen, auch weil sie vielleicht gerade wegen ihrer vielen Wochenendheimreisen kein soziales Umfeld aufgebaut haben, noch gar nicht in der Statistik geführt werden.

Es gab Zeiten, da war der Westen die einzige Chance für die Einwohner Mecklenburg-Vorpommerns, einen Job zu bekommen. Doch inzwischen geht es dem Bundesland wirtschaftlich besser, so dass es die Arbeitskräfte durchaus selber gebrauchen könnte. Und so kam es, dass Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) sogar schon höchstselbst auf dem Schweriner Bahnhof anzutreffen war und Berufs-pendler auf die neuen Möglichkeiten ansprach. „Es wird für die Wirtschaft in unserem Land schwieriger, gute Fachkräfte zu finden. Gleichzeitig pendeln tausende Bürgerinnen und Bürger aus Mecklenburg-Vorpommern zur Arbeit in andere Bundesländer, was Zeit kostet und oft mühselig ist. Der Pendleraktionstag ist eine tolle Idee, um Arbeitgeber und Pendler zusammenzubringen. Vielleicht gelingt es, dass Unternehmen ihre künftigen Fachkräfte und Arbeitnehmer einen Arbeitsplatz in der Nähe ihres Wohnortes finden“, erklärte Sellering, warum er zusammen mit Vertretern von Unternehmen aus dem Verarbeitenden Gewerbe, dem IT-Bereich und anderen Dienstleistungsbranchen Menschen am Bahnhof ansprach.

Auch Reiner Haseloff (CDU), Sellerings Amtskollege aus Sachsen-Anhalt, weilte letztens in Stuttgart und buhlte dort um die Gunst „ausgewanderter“ Landeskinder. Die meisten Bundesländer bieten inzwischen auch Internetseiten an, die speziell Rückkehrwillige ansprechen. Stellenangebote sollen hier berufliche Perspektiven aufzeigen. Allerdings sind die meisten der Seiten sehr bieder aufgemacht. Die Seite „Sachse kommt zurück“ hat aber dafür an vieles gedacht und informiert sogar über Kindergarten- und Schulplätze. Zumindest die Städte in den neuen Bundesländern können dank wirtschaftlicher Erholung und in einigen Regionen geglücktem Strukturwandel wieder interessante Arbeitsplätze bieten.

Zahlreiche Studien haben sich in den letzten Jahren mit der Frage beschäftigt, was genau die Motive für die Rückkehrer sind. Sie stellen 50 Prozent der im Fachjargon West-Ost-Migranten Genannten. Zogen nach der Wende 1,8 Millionen ehemalige DDR-Bürger, also zehn Prozent der Bevölkerung, westwärts, können sich zumindest Brandenburg und Sachsen derzeit über mehr Zuzüge als Fortzüge freuen. Anke Matuschewski von der Universität Bayreuth hat ermittelt, dass der typische Rück-wanderer männlich, zwischen 30 und 35 Jahren ist und eine gute Ausbildung oder gar erfolgreich studiert hat. Viele locken interessante Jobangebote, aber auch die Familie, die noch immer dort wohnt. Gerade jene, die oft vom Westen am Wochenende gen Osten reisen, um Eltern, Geschwister und Freunde zu besuchen, sind am leichtesten dazu zu bewegen, so sich denn eine berufliche Perspektive bietet, zurückzukehren. Sie stehen im Fokus der Werbemaßnahmen der Länder. Zwar sind die Gehälter auf dem Territorium der Ex-DDR oft niedriger als in München, Hamburg oder Stuttgart, doch zugleich sind auch die Lebenshaltungskosten geringer. Besonders leichte „Beute“ machen die östlichen Bundesländer in der westlichen Provinz. Aber auch die schuldengeplagten nordrhein-westfälischen mittelgroßen Städte haben in den letzten Jahren stark an Attraktivität eingebüßt. Und so verfällt manche Fachkraft den Verlockungen frisch sanierter Altstädte wie Erfurt, Dresden, Leipzig und Co. samt guter Infrastruktur vom Kindergartenplatz bis zu familienfreundlichen Wohnsiedlungen mit günstigem Eigenheim.

Und die Aussichten für den Osten des Landes, weitere Rückkehrer anzuwerben, stehen offenbar gut. Ulrich Blum von der Universität Halle ist überzeugt, dass der gesamte östliche Teil der Republik 2020 bereits 90 Prozent der Wirtschaftskraft des Westens erreicht hat und das trotz Solarpleiten in Frankfurt an der Oder und einer Arbeitslosigkeit, die derzeit insgesamt noch gut doppelt so hoch ist wie in den alten Bundesländern. Aber Sachsen kann bereits eine höhere Jobdichte als Niedersachsen oder Rheinland-Pfalz aufweisen, wie der „Spiegel“ schreibt. Unternehmen und Kommunen im Westen wird all dies nur bedingt freuen, denn der Kampf um die begehrten Fachkräfte wird so nur heftiger und vor allem teurer werden. Rebecca Bellano


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