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05.05.12 / Und ein Carus hängt auch am Frauenplan / Carl Gustav Carus’ Rügen-Reise 1819: Die schönsten Gemälde der Romantik entstanden auf Deutschlands größter Insel

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 18-12 vom 05. Mai 2012

Und ein Carus hängt auch am Frauenplan
Carl Gustav Carus’ Rügen-Reise 1819: Die schönsten Gemälde der Romantik entstanden auf Deutschlands größter Insel

Nicht zum ersten und sicherlich nicht zum letzten Mal bot die Ostseeinsel Rügen den Anlass für eine kulturhistorisch-literarische Zeitreise. In einem handlichen, schön gestalteten Bildband mit dem Titel „Carl Gustav Carus auf Rügen. Auf den Spuren Caspar David Friedrichs“ hat der 1934 in Dresden geborene Autor und Regisseur Herrmann Zschoche eine Rügen-Reise nachgezeichnet, die der Arzt, Naturphilosoph und Landschaftsmaler Carl Gustav Carus (1789–1869) im Jahre 1819 unternahm. Den Zeichnungen und Ölgemälden des Autodidakten Carus sind Werke von dessen Freund Caspar David Friedrich mit verwandten Motiven gegenübergestellt. Mit Ausschnitten von historischen Karten, alten Stichen und eigenen Fotos hat der Autor die Aufenthaltsorte – Mönchgut, der Rugard, Stubbenkammer, Quoltiz/Bobbin, Altenkirchen/Wiek – anschaulich bebildert.

Die Reisebeschreibung lieferte Carus selbst mit seiner Schrift „Eine Rügenreise im Jahre 1819“ und seinen 1865/66 veröffentlichten „Lebenserinnerungen und Denkwürdigkeiten“. Auszüge aus Reisetagebüchern von Wilhelm von Humboldt und eines zeitgenössischen Anonymus, versehen mit Erläuterungen des Autors, runden das Bild ab.

Als Universalgelehrter des 19. Jahrhunderts ist Carl Gustav Carus bis heute in Dresden eine allgemein bekannte Persönlichkeit. Dort wirkte er nach den Freiheitskriegen ab 1814/15 als Leiter der Hebammenschule und Professor für Geburtshilfe. Er war mit Künstlern und Wissenschaftlern wie Ludwig Tieck und Alexander von Humboldt befreundet. Mit Goethe stand Carus im Briefwechsel. Aufgrund mehrerer grundlegender Schriften, unter anderem zur Tiefenpsychologie, wurden zwei anthroposophisch ausgerichtete medizinische Einrichtungen nach ihm benannt sowie das Universitätsklinikum „Carl Gustav Carus“ der TU Dresden. In der Kunsttheorie prägte der „hochbegabte Dilettant“ (Zschoche) später den Begriff „Erdleben-Bildkunst“.

Leider fehlt im vorliegenden Band eine erhellende Kurzbiografie über ihn. Wenn in dem knappen Vorwort dann noch von der „merkwürdigen Doppelgestalt seines Wesens“ die Rede ist, dürfte sich der durchschnittliche Leser umso mehr in eine missliche Lage versetzt sehen. Zum Glück gibt es Nachschlagewerke.

Angeregt durch die Studien seines Dresdener Malerfreundes Caspar David Friedrich hielt sich Carus mit den Freunden Dietz und Kummer im August 1819 zunächst einige Tage in Neubrandenburg und Greifswald auf und sammelte künstlerische Eindrücke, um anschließend mit einer Schiffer­yacht nach Neuendorf auf Rügen überzusetzen. Er durchwanderte die Insel und skizzierte zahlreiche Motive wie „Mondnacht bei Rügen“, „Eichen am Meer“ und „Hünengrab mit ruhendem Wanderer“, woraus später mehrere Ölgemälde entstanden; einige von ihnen zählt der Autor zu den schönsten Werken der Romantik. Andererseits begründet Zschoche bei einem künstlerischen Vergleich zwischen Carus und Friedrich stets sehr präzise die Überlegenheit der Werke von Friedrich. Da verwundert es nicht, dass im schwierigsten künstlerischen Fach gravierende Mängel auffallen: Bei der Darstellung der bewegten See hat Carus den Status eines Anfängers nicht hinter sich gelassen.

Zwei Ölbilder von ihm mit dem Motiv der Klosterruine Eldena sind überliefert; sicherlich hatte Friedrich ihn auf diesen Ort aufmerksam gemacht, der ihn zeitlebens faszinierte. In der Ausführung von 1819/20 ragt die Ruine vor dem nächtlichen Mondhimmel auf, davor die Hütte mit dem einsam erleuchteten Fenster. „Diese Darstellung gehört in das Fach des Mystischen“, hieß es dazu in einer Besprechung der Dresdener Akademie-Ausstellung (das Datum der Publikation wird hier, wie auch an anderen Stellen, nicht mitgeteilt). Das 1823 entstandene Bild sandte Carus als persönliches Geschenk an Goethe nach Weimar, wo es noch heute im Goethe-Haus zu sehen ist: Für den Verehrer Ruysdaels und Claude Lorrains hatte Carus eine ausgewogenere und weniger romantische Fassung komponiert. Mit dem fein gemalten Himmel, im Hintergrunde das Meer bei spätem Abendduft, entspricht es jenem Eindruck vom 13. August 1819. Vor die Ruine hat er eine Baumgruppe mit weidendem Vieh gesetzt, gibt also dennoch kein bloßes Abbild. Dagmar Jestrzemski

Herrmann Zschoche: „Carl Gustav Carus auf Rügen. Auf den Spuren Caspar David Friedrichs“, Husum, broschiert, 107 Seiten, 14,95 Euro.


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