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05.05.12 / Preußens erster jüdischer außerordentliche Professor / Vor 150 Jahren wurde Philipp Jaffé an die Berliner Universität berufen – Wenige Jahre später wählte er den Freitod

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 18-12 vom 05. Mai 2012

Preußens erster jüdischer außerordentliche Professor
Vor 150 Jahren wurde Philipp Jaffé an die Berliner Universität berufen – Wenige Jahre später wählte er den Freitod

Vor 150 Jahren wurde der Philologe und Historiker Philipp Jaffé, einer der bedeutendsten deutschen Mittelalterforscher des 19. Jahrhunderts, als erster Jude in Preußen zum außerordentlichen Professor ernannt. Durch sein Schaffen ist die deutsche und europäische Geschichtsforschung ungemein bereichert worden, vor allem durch mehrere umfangreiche Werke zum deutschen Mittelalter sowie kritische Editionen mittelalterlicher Texte und Urkunden. Jaffés Werkverzeichnis füllt mehrere Seiten. Dennoch geriet sein Name später außerhalb von Fachkreisen nahezu in Vergessenheit, was möglicherweise seiner überwiegenden Tätigkeit als Bearbeiter und Herausgeber von Quelleneditionen geschuldet ist. Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass Intrigen, denen der Wissenschaftler zu Lebzeiten ausgesetzt war, noch postum ihre Auswirkung auf seinen verhältnismäßig spärlichen Nachruhm haben.

Als Sohn eines Kaufmanns wurde Philipp Jaffé am 17. Februar 1819 in Schwersenz bei Posen geboren. Nach dem Abitur trat er auf Drängen seines Vaters in ein Berliner Bank- und Getreidegeschäft ein. Seine freien Stunden verbrachte er in den Hörsälen der Universität, und nach zwei Jahren verließ er das Bankhaus, um ein Geschichtsstudium aufzunehmen. Vornehmlich besuchte er die Vorlesungen von Leopold Ranke und Friedrich von Raumer. Als weiteren Schwerpunkt wählte er die Historischen Hilfswissenschaften zur Erschließung und Bewertung von überlieferten Textquellen. Schon während des Studiums, das er 1844 ohne Doktortitel abschloss, begann er zu publizieren. Nach zwei historiografischen Bänden über deutsche Kaiser des Mittelalters brachte ihm sein 1851 veröffentlichtes Riesenwerk „Regesta Pontificum Romanorum“, das 11000 Regesten von

Papsturkunden enthielt, zwar Ruhm und Ehre ein, dennoch dürfte ihm klar geworden sein, dass er als Jude in Preußen womöglich keine Möglichkeit erhalten würde, seinen Lebensunterhalt als Historiker zu verdienen. Daher absolvierte er von 1850 bis 1853 in Berlin und Wien noch ein Medizinstudium und promovierte mit einem Thema zur Medizingeschichte. Anschließend eröffnete er eine ärztliche Praxis in Berlin.

Doch sein früherer Förderer und Historikerkollege Georg Heinrich Pertz wollte ihn für die Geschichtsforschung erhalten. Pertz war ab 1823 Präsident der „Monumenta Germaniae Historica“ (MGH, Geschichtliche Denkmale Deutschlands), die aus der „Gesellschaft für Deutschlands ältere Geschichtskunde“ hervorgegangen war. 1855 verschaffte er Jaffé eine Stelle als Mitherausgeber der „Monumenta“ für die Sektion „Scriptores“. Damit war dieser zuständig für die kritische Bearbeitung von erzählenden Quellenwerken des Heiligen Römische Reichs. Diesen Posten hätte er bis zu seinem Lebensende behalten können, wenn es nicht zu einem Zerwürfnis mit Pertz gekommen wäre. 1860 hintertrieb dieser Jaffés Berufung auf eine leitende Archivstelle in Florenz. Als Motiv wird kleinlicher Neid vermutet, da Jaffé mittlerweile als fähigster Kopf unter den MGH-Herausgebern galt. Erst zwei Jahre später erfuhr der Geschädigte von dem unglaublichen Schachzug seines Kollegen und Vorgesetzten. Umgehend löste er seine Verbindung zur MGH.

Fast gleichzeitig, am 9. Mai 1862, wurde Jaffé als außerordentlicher Professor für Historische Hilfswissenschaften an die Berliner Universität berufen. Neben einer erfolg-reichen Lehrtätigkeit bereiste er in den folgenden Jahren weiterhin europäische Archive, um mittelalterliche Texte ausfindig zu machen, und setzte seine literarische Arbeit mit Fleiß und Hingabe fort. Seine Edition der Cambridger Lieder brachte ihm einen Eintrag in der „Enzyclopaedia Britannica“ ein. Ab 1864 fungierte er als verantwortlicher Herausgeber der ersten von insgesamt sechs Bänden der „Bibliotheca rerum Germanicarum“. Die mustergültigen Bearbeitungen von bis dahin unbekannten Quellen des frühen und hohen Mittelalters stellten nach Ansicht der Fachwelt selbst die an Mitteln reichen „Monumenta“ in den Schatten. Pertz gab in seiner Rachsucht weiterhin keine Ruhe. Er streute das Gerücht aus, Jaffé habe sich in den 1830er Jahren als Spion für die politische Polizei betätigt. Schließlich verhinderte er Jaffés Festanstellung an der Universität Berlin, wollte ihm gar die Nutzung der Bibliothek verbieten lassen. Es ist anzunehmen, dass die fortdauernden Angriffe und Unterstellungen bei Jaffé eine schwere Depression auslösten, die wahrscheinlich mit Verfolgungswahn einherging. Auf der Höhe seines Erfolgs und unvermutet für seine Freunde erschoss er sich am 3. April 1879 in einem Ausflugslokal in Wittenberge. Eine angemessene Würdigung seines Lebenswerks steht noch immer aus. Dagmar Jestrzemski


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