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05.05.12 / In Mährisch-Schlesien spricht man »Preußisch« / Autonomisten träumen von der böhmisch-mährisch-schlesischen Bundesrepublik

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 18-12 vom 05. Mai 2012

In Mährisch-Schlesien spricht man »Preußisch«
Autonomisten träumen von der böhmisch-mährisch-schlesischen Bundesrepublik

Vorläufige Resultate der tschechischen Volkszählung 2011 bezeugen den munteren Regionalismus in Mähren und Mährisch-Schlesien. Numerisch blieb er noch verdeckt, weil die Beantwortung der Zensusfragen nach „tschechischer, mährischer, schlesischer Nationalität“ freiwillig war, weswegen in ganz Tschechien 2,7 Millionen Bürger keine Auskunft gaben. Das gilt besonders für „Prajzska“ (Preußen) in Mährisch-Schlesien. Heute ist „Moravskoslezsko“ ein 5445 Quadratkilometer kleines Gebiet im Nordosten Tschechiens, 2000 aus den Kreisen Freudenthal [Bruntal], Neutitschein [Novy Jicin], Karvin [Karvina], Ostrau [Ostrava] und Friedek [Frydek-Mistek] gebildet. Von den knapp 1,3 Millionen Einwohnern votierten 2001 10878 für die „schlesische Nationalität“, 2011 12231. Das bezeugt schlesisches Misstrauen gegen Prager Bürokraten, nicht etwa mangelnden Lokalstolz. Kein „Prajz“ (oder „Prajzak“) leidet unter Minderwertigkeitskomplexen und „jeder zweite Prager ist einer von uns“, heißt es stolz in Internetforen. Die Schlesier teilen (noch) nicht das Bestreben der Mährer, sich von den Tschechen abzugrenzen, auch (noch) nicht das Bemühen der polnischen Schlesier um politische Mitbestimmung. Sie sind dabei, ihren Eigenwert zu erkennen, und da kommt einiges zusammen. Der stets gute Ruf der lokalen Industrie kriegt neuen Elan, da die Europäische Union bis 2013 aus Strukturfonds 716 Millionen Euro nach „Prajzska“ leitet. Dass 1995 die bildhübsche „Prajzska“ Monika Zidkova „Miss Europa“ war, gefiel ihren Landsleuten, die sie seither als „Prajzska grofka“ (Preußengräfin) ehren. Europa wäre generell besser beraten – meint David Unger, Tribun mährisch-schlesischer Autonomie –, wenn es eine böhmisch-mährisch-schlesische Bundesrepublik statt eines Prager Zentralstaats mit Mähren und Schlesien als folkloristischen Anhängseln als Partner hätte.

Für das Gros der Prajzaken hat die eigene Sprachpflege Vorrang. Sie reden, vor allem in Hultschin [Hlucinsko] und dem Kuhländchen [Kravarsko], „po prajzsky“ (preußisch), in der „Prajzstina“, die phonetisch und morphologisch gegen alle Regeln der tschechischen Hochsprache verstößt, im Wortgut viel Deutsches bewahrt und insgesamt ein sprachlicher Ahnenpass ist. „Chcu byc enem Prajz“ (Ich will nur Preuße sein) betitelte in purer Prajzstina Lidie Rumanova 2002 ihr erstes von mittlerweile fünf Mundartenbüchern, die in ganz Tschechien als wirksamstes Antidepressivum legendär sind. Seit 1969 brüten Linguisten über den Charakteristika des schlesischen oder vormals lachischen Dialekts. 1994 hatte Petra Dobrovolna mit ihrem schmalen „Slovnik prajsko-cesky“ (Preußisch-tschechischen Wörterbuch) einen internationalen Hit gelandet. Im Internet darf seit über zwölf Jahren jeder Prajzak (oder Moravak) am „Mährisch-Tschechischen Wörterbuch“ mitarbeiten, in dem Wortgut aus acht Regionen erscheint, darunter höchst ausführlich die „Prajzstina“ samt Originaltexten in ihr. In Hlucin hält Jana Schlossarkova „Lekce Prajzstiny“ (Stunden in Prajzstina) ab. Hinzu kommt die „nareci slezskopolska“, schlesisch-polnischer Übergangsdialekt zu den 800000 Schlesiern in Polen, der in Warschau und Prag misstrauisch beäugt wird.

Nur in Prajzska besteht man einen „Test“ mit regionalem Wortgut, der deutsche Leser erfreuen dürfte. Dazu gehören „krygl“ (halber Liter) und „bastlit“ (basteln) ebenso wie „jár“ (Jahr). Wer das Glück habe, nach Prajzska einzuheiraten, müsse das prajzske desatero (preußische zehn Gebote) respektieren, die vor allem häuslicher Sauberkeit dienten, wird man aufgeklärt. So viel unüberhörbare Eigenart macht manchem Sorge, wie noch im Februar Jan Balhar von der Tschechischen Akademie der Wissenschaften und Vladimir Pfeffer aus der Schlesischen Universität bekundeten: Junge „Prajzaken“ sprechen mehr und bewusster „Prajzstina“, was eine Schülerin so erklärte: „Ich sehe darin kein Problem. Es wird viel zu viel Nachdruck auf Tschechisch gelegt, unser Sprachgebrauch ist Ausdruck dessen, dass wir das Tschechische bis haben – na, Sie wissen schon, bis wohin“. Sogar manche Lehrer empfinden den Gebrauch von „Prajzstina“ als Auflockerung.

Im Grunde war die Aktion Balhar-Pfeffer eine Werbung für „Prajzstina“, wie im „Denik“ (Tagblatt) aus Troppau [Opava] nachzulesen war. Junge Leute debattierten erst recht, welche Wörter echte „Prajzstina“ sind – „zicherhajcka“ (Sicherheitsnadel), „klamerka“ (Klammer), „achtlik“ (Achtelglas), „banhof“, „blajstyft“ (Bleistift), „kvelb“ (Gewölbe, also Laden), „slaftrunk“, „tystuch“, „spejchar“ und endlos so weiter. Wer sich ungeladen beteiligen wollte, sah die rote Karte: „Trudo, ty nejsi z Prajzskej!“ (Truda, du bist nicht aus Prajzska).

Es adelt, „Prajzak“ zu sein, und nicht zufällig reimt sich „prajzski“ auf „rajski“ (paradiesisch). Sagt Lidie Rumanova, Nestorin neuer „Prajzstina“-Literatur, die um Stolz und Neid weiß: „Dass sie uns Prajzaks nennen, beschämt uns nicht, wir bekennen uns im Gegenteil stolz dazu. Dank unserer Vorfahren haben fast alle Prajzaks deutsche Pässe und mit unserer Arbeit im Westen füllen wir die Staatskassen.“ Wolf Oschlies


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