18.01.2022

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05.05.12 / Der Mensch als Fehler / Miriam Meckel über die Gefahren des Googelns

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 18-12 vom 05. Mai 2012

Der Mensch als Fehler
Miriam Meckel über die Gefahren des Googelns

„Kopfgesteuert. Auto bremst durch die Kraft der Gedanken.“ Diese Nachricht ist kein Zitat aus Miriam Meckels Zukunftsroman „Next“, sondern eine tatsächliche vom 29. Juli 2011. Wie schon die Arbeitserleichterungen für Hausfrauen in den 50er Jahren angepriesen wurden, werden heute Arbeitserleichterungen für jedermanns Alltag angeboten und wahrgenommen. Dem im Internet Agierenden werden dort Bücher angeboten, die er sich zuletzt angeschaut hat oder Friseure in der Nähe, wenn bekannt wurde, dass er sich eine neue Frisur zulegen möchte. Meckels humanoider Algorithmus, der „Next. Erinnerung an eine Zukunft ohne uns“ erzählt, ist da aber schon weiter. Er stellt sich vor als der persönliche Algorithmus und gibt den Rat: „Du weißt, wer du bist, wer wir sind und dass wir zusammengehören. Das Leben ist dann leicht und schön.“ Es könnte also ein Paradies sein – sich einfach zurücklegen und seinen persönlichen Algorithmus machen lassen: „Ich weiß alles über dich. Ich weiß, was du liest und was du isst ... Ich kenne deine Kreditkartennummern ... So kann ich die Dinge bestellen, die du brauchst und dir wünschst, ohne dich vorher fragen zu müssen. Ich weiß, was du fühlst, was du brauchst und was du magst. In Wirklichkeit weiß ich es besser als du selbst.“

Und hier liegt das Problem. Kann eine Kette von Handlungsvorschriften wirklich für mich entscheiden, will ich meine Freiheit wirklich so einfach aufgeben? Mit diesen Überlegungen muss sich der Leser dieses wirklich lesenswerten Buches beschäftigen. Wie viel möchte ich über mich öffentlich machen, wie abhängig möchte ich von Maschinen und Programmen sein? Meckels „Apokalypse“ geht aber viel weiter. Anrufe werden mittels Gedanken gesteuert, und das ist erst der Anfang. Der Mensch macht sich so abhängig, dass selbst Literatur von Algorithmen produziert wird. Auf dem Weg zur Herrschaft der Algorithmen wird der Mensch in seiner Fehlerhaftigkeit selbst zum Problem, das eliminiert werden muss, weil er den Handlungsablauf der Rechenprozesse behindert. Aus dem Nutzen für den Menschen – wir denken nicht, wir googeln – entsteht also seine selbst herbeigerufene Endzeit. „Und so haben wir den menschlichen Geist und das Konzept ‚Menschlichkeit‘ als solches aufs Spiel gesetzt und verloren. Anstatt dass wir der Maschine geholfen hätten, uns besser zu verstehen, haben wir sie perfektioniert unter den Bedingungen ihres algorithmischen Antriebs. Es war das Menschliche, das an und in Maschinen nie funktioniert hat.“ Die Maschinen wurden zum Selbstzweck, der Mensch nur noch ein System.

Meckel, Kommunikations- und Politikwissenschaftlerin, entwickelt in der einfachen Sprache einer Befehlskette ein schauriges Science-Fiction-Szenario, das durch viele Fußnoten und Verweise auf tatsächliche Ereignisse noch erschreckender wird und den Leser zugleich abstößt und anzieht. Christiane Rinser-Schrut

Miriam Meckel: „Next. Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns“, Rowohlt, Reinbek 2011, geb., 320 Seiten, 19,95 Euro


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