27.01.2022

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23.06.12 / Fußball-farbigkeit

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 25-12 vom 23. Juni 2012

Fußball-farbigkeit

Schon zweimal hat die Uefa die Fußball-Europameisterschaft an zwei Staaten vergeben – Belgien-Niederlande 2000, Österreich-Schweiz 2008 –, aber bei der aktuellen EM in Polen und der Ukraine – an diesem Sonnabend wird in Donezk gekickt – dürften Europas-Fußballherrscher unter Michel Platini ein paar Hintergedanken gehabt haben.

Wollten sie Gemeinsamkeiten der „Hausherren“ herausstellen? Die sind Nachbarn, Westslawen, ihre Nationalsprachen sind eng verwandt, die Zahl der Bürger fast identisch (je rund 40 Millionen), zudem historische Phasen ethnischer Koexistenz, für die das bei der EM glücklose Polen 1918/19 einen Kampf um den Besitz des vordem habsburgischen Ostgaliziens siegreich bestritt und sein Staatsgebiet um ein Drittel bis zum Grenzfluss Zbrucz ausweitete. 1939 und endgültig 1945 musste es die Region an die Sowjetunion abtreten, doch bis heute wird die West-Ukraine von den Einwohnern auch „polnische Ukraine“ genannt.

Oder wollte die Uefa polnisch-ukrainische Unterschiede betonen, die europäisch gewichtigen? Polen ist Mitglied in Nato, EU und Schengenzone, was die Ukraine auch gern wäre. 1994 wurde sie durch ein „Abkommen über Partnerschaft und Zusam­men­arbeit“ ermutigt, aber seit 2010 ist sie durch die autoritäre Herrschaft von Präsident Viktor Janukowitsch weit zurückgeworfen worden. Die Uefa übersieht ihre kleinen „Macken“, etwa Beschriftungen allein in kyrillischen Buchstaben, wo doch auch das lateinische Alphabet zur Bedingung gemacht war. In Polen gilt nur dieses.

Nicht „anstößig“ ist, dass Polen Katholiken, Ukrainer zumeist orthodoxe Christen sind, dass im Polnischen in der Aussprache das G allenthalben zu hören ist, während es im Ukrainischen vor Urzeiten gegen das H ausgewechselt wurde, dass Polen mit Złoty zahlen und Ukrainer mit Hrywna. Eine Münze mit Namen „hriwna“ kennen wir auch, bei den Sorben bedeutet sie „D-Mark“ – wie drollig. Von anderen Unterschieden, etwa im Bauzustand von Flughäfen, Bahnhöfen und Straßen, reden wir an dieser Stelle lieber nicht (siehe PAZ Nr. 24, S. 6), da auch die EM-Besucher Mängel klaglos hinnehmen.

Und ein letztes Moment ist jenes, das Polen und Ukrainer zugleich trennt und verbindet. Dem Giessener Slawisten Herbert Ludat verdanken wir Studien darüber, dass im Osten Farben für Himmelsrichtungen stehen: im Westen Weißrussland, im Süden Schwarzes Meer. Uns Deutschen ist Ähnliches von Weißer oder Schwarzer Elster vertraut. Im Osten lebt die Farbensymbolik seit dem 10. Jahrhundert, als der Heilige Vladimir und seine „Kiewer Rus“ mit den Polen um „Rotrussland“ – „Rothreußen, Cerwonaja Rus, Russia Rubra“ – stritten, womit das spätere polnisch-ukrainische Riesengebiet östlich von Lemberg gemeint war, das bis heute gelegentlich noch unter „Rot-Russland“ firmiert. Wer weiß, vielleicht kommt es mal wieder so, was wir nicht hoffen wollen. Antiquiert klingt es ohnehin, aber weit netter als Moskaus verächtliches „Klein-Russen“ statt „Ukrainer“.

Wolf Oschlies


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