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23.06.12 / Getriebener seiner Zeit / 90-Jähriger berichtet von Krieg und Gefangenschaft in der Sowjetunion

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 25-12 vom 23. Juni 2012

Getriebener seiner Zeit
90-Jähriger berichtet von Krieg und Gefangenschaft in der Sowjetunion

Ein erstaunliches Buch! Da beschließt ein 90-jähriger, sein Leben aufzuzeichnen. Und er schreibt darüber mit Hilfe seiner vielen Tagebücher und seines offenbar ausgezeichneten Gedächtnisses, und als er im Januar dieses Jahres 91 Jahre alt wird, liegt das Buch tatsächlich vor. Es hat einen etwas pathetisch klingenden Titel, obwohl das Buch selbst gar nicht pathetisch ist: „Für’s Vaterland? Bericht und Dokument einer geschundenen Generation“.

Vorausgegangen waren bereits elf andere von ihm geschriebene oder herausgegebene Bücher, die meist um das Ereignis kreisten, das sein Leben geprägt hat: Die zehnjährige Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion, davon die längste Zeit in Stalingrad. Nach der Wende hat er in Moskauer Archiven gearbeitet, um die Hintergründe zu erfahren, hat den Ort seiner Gefangenschaft mehrfach besucht, Kontakt gehalten zu ehemaligen Soldaten der Bewachungsmannschaften und natürlich zu seinen Kameraden. 1921 wird Hein Mayer in Halle a. d. Saale in – wie man damals sagte – gut bürgerlichen Verhältnissen geboren. Bald darauf zieht die Familie ins holsteinische Itzehoe. Er berichtet von seiner Schulzeit, vom Deutschen Jungvolk, von der Radtour mit einem Freund ins Berlin der Olympischen Spiele. In einer Spielschar der Hitlerjugend wird sein künstlerisches Talent entdeckt. Er bewirbt sich um einen Studienplatz an der Deutschen Filmakademie in Babelsberg, besteht die Aufnahmeprüfung und erhält sogar ein Stipendium.

Zunächst aber muss er die Dienstpflicht im Reichsarbeitsdienst erfüllen, und dann bricht der Krieg aus. Hein Mayer wird Soldat, erlebt im Infanterie-Ersatzbataillon 76 den Einmarsch in Dänemark, bis seine Einheit in den Osten verlegt wird. Im ersten Winter des Russlandkrieges wird er zur Truppenbetreuung abkommandiert. Er organisiert nicht nur für die Soldaten Unterhaltungsabende, sondern bringt in einer besetzten russischen Stadt das Theater wieder in Gang, wo dann für die russische Zivilbevölkerung gespielt wird. Wieder an der Front wird er so schwer verwundet, dass er nicht mehr einsatzfähig ist.

Nach Ende des Krieges gerät er in US-Gefangenschaft und wird wie Hunderttausende seiner Kameraden an die Sowjets ausgeliefert. Auch er wird vor ein sowjetisches Tribunal gestellt. Weil in seinem Wehrpass steht, er habe den Militärführerschein erworben für das Führen von Kraftfahrzeugen auch mit Holzgasgenerator, wird er zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, weil er „einen Vergasungswagen“ gefahren habe. So muss er nach Stalingrad ins Lager. Die mangelhafte Ernährung, die extremen Arbeitsbedingungen und die Brutalitäten der Wachmannschaften fordern in den ersten Jahren den Tod von Hunderttausenden, bis sich die Verhältnisse normalisieren, nicht zuletzt weil die Sowjetunion Zwangsarbeiter für den Wiederaufbau benötigt.

Mayer organisiert in seinem Lager kulturelle Aktivitäten, eine Schauspieltruppe, ein Orchester, Chöre, Vorträge. Endlich, zehn Jahre nach Ende der Feindseligkeiten, wurde er dank des selbstbewussten Auftretens Konrad Adenauers vor der sowjetischen Regierung zusammen mit den letzten 10000 Kriegsgefangenen, die wegen angeblicher Kriegsverbrechen verurteilt worden waren, entlassen – und 38 Jahre später wie fast alle seine Kameraden von der Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation voll rehabilitiert.

Ergreifend Mayers Schilderung der Heimfahrt, wie sie endlich die Grenze zur Bundesrepublik überschreiten. In Friedland empfängt sie Bundespräsident Heuss mit einer einfühlsamen Rede, und auf dem Weg in die Heimatorte werden sie von Tausenden von Landsleuten bejubelt. Als er wieder in Itzehoe eintrifft, steht dort die Bevölkerung der halben Stadt und wartet auf ihren so lange vermissten Sohn. Mayer absolviert eine kaufmännische Ausbildung und arbeitet sich im VW-Werk hoch bis in die Führungsetage, Bereich Organisation. Nebenher kümmert er sich um seine Kameraden und bemüht sich, das Schicksal von Vermissten aufzuklären. Die ehemaligen Stalingrad-Gefangenen wählen ihn zu ihrem Sprecher.

Das Buch ist ohne literarische Schnörkel flott niedergeschrieben (erzählen kann Hein Meyer!). Es gibt einen Einblick nicht nur in den Existenzkampf der deutschen Kriegsgefangenen, sondern auch in die Lebens- und Denkweise der Generation zwischen 1920 und 1945. Ein Lesefutter für alle Bücherfreunde. H.-J. von Leesen

Hein Mayer: „Fürs Vaterland? Bericht und Dokument einer geschundenen Generation“, BoD, Norderstedt 2011, geb., 446 Seiten, 35 Euro


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