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04.08.12 / Mehr als nur ein Dieb / Roman über Württembergs berühmtesten Räuber

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 31-12 vom 04. August 2012

Mehr als nur ein Dieb
Roman über Württembergs berühmtesten Räuber

Er war der gefürchtetste Räuber Württembergs. Mit seinen Gesellen trieb er landauf landab sein Unwesen. Überfälle und Diebeszüge säumten seinen Weg. Die Rede ist von Hannikel, dessen bürgerlicher Name Jakob Reinhard lautete. Nachdem er sich als Hausierer und Kleindieb durchgeschlagen hatte, wurde er Mitte des 18. Jahrhunderts Anführer einer Bande, die vorrangig jüdische Kaufleute und evangelische Pfarrer überfiel. Verfolger hatten es schwer, denn die Bande versteckte sich in den dichten Gefilden des Schwarzwalds. Erst nach der Ermordung eines herzoglich-württembergischen Grenadiers 1786 begann eine große Fahndung nach den Verbrechern. Dem Sulzer Oberamtmann Jacob Schäffer gelang schließlich die Festnahme der 55 Bandenmitglieder und ihres Anführers. Hannikel und drei seiner Getreuen wurden zum Tode durch den Strang verurteilt und hingerichtet.

Noch heute erinnert das Hannikel-Haus im Wald in Ohmenhausen an die Abenteuer des Räuberhauptmanns. Jedes Jahr im Januar wird dem Ort durch das Häsabstauben, dem „Erwecken des Hannikel“, neues Leben eingehaucht.

Fernab von Lagerfeuerromantik und Schauermärchen zeichnet Lukas Hartmann in seinem Roman „Räuberleben“ ein vielschichtiges Gesellschaftsporträt des ausgehenden 18. Jahrhunderts an der Schwelle zwischen Absolutismus und Aufklärung. Geschickt verwebt der Schweizer Autor die Perspektive der Verbrecher und ihres Zigeunerlebens, den Blickwinkel des Oberamtmanns Schäffers und seiner fanatischen Verfolgung von Recht und Gesetz („Jetzt werden wir sie fassen! Jetzt oder nie! Es soll uns keiner entgehen!“) und die Gedankenwelt des damals regierenden Herzogs Karl Eugen von Württemberg, der die Todesurteile ohne Zögern unterschreibt, den Vollstreckungen jedoch fernbleibt. Der Perspektivwechsel verleiht dem Buch historische Authentizität und zeigt gesellschaftliche Missstände auf. Der Leser wird Zeuge des wirtschaftlichen, rechtlichen und sozialen Ausschlusses bestimmter Volksgruppen. Eindrücklich schildert Hartmann zudem die unmenschlichen Zustände in Waisenhäusern und Gefängnissen sowie staatliche Willkürmaßnahmen wie Folter und Sippenhaft. Kontrastbild dazu bietet die ungezügelte Jagdleidenschaft des Herzogs und seiner adligen Gäste. Die Bauern mussten oft Hunger leiden, da die durch Felder reitende Jagdgesellschaft häufig die Saat oder Ernte auf den Äckern zerstörte.

Die zentrale Figur bleibt trotz der unterschiedlichen Perspektiven Wilhelm Grau, Schäffers Schreiber. Von seinem Schreibpult aus verfolgt er die Hetzjagd auf die Räuberbande. Es fällt ihm jedoch immer schwerer, die Zigeuner bloß als Verbrecher zu sehen. Vor allem für Hannikels Sohn Dieterle hat der Witwer Mitgefühl. „Räuberleben“ ist ein spannender und erzählerisch anspruchsvoller historischer Roman. Dem Buch vorausgegangen sind Gespräche des Autors mit Lokalhistorikern und eine Archivrecherche – von den Personen Hannikels und Schäffers über Fabricius und Johann Baptist Herrenbergers, den Verfasser eines Wörterbuchs der Gaunersprache, bis hin zum Stadtbrand von Sulz. Sein Talent, historische Stoffe aufzubereiten, bewies Hartmann bereits mit dem Cook-Roman „Bis ans Ende der Meere“. Sophia E. Gerber

Lukas Hartmann: „Räuberleben“, Diogenes, Zürich 2012, geb., 346 Seiten, 22,90 Euro


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