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08.09.12 / Als »Mr. Tagesschau« ging / Vor 25 Jahren las Karl-Heinz-Köpcke letztmalig die Nachrichten

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-12 vom 08. September 2012

Als »Mr. Tagesschau« ging
Vor 25 Jahren las Karl-Heinz-Köpcke letztmalig die Nachrichten

Mittlerweile gehört das Sprecherantlitz zur „Tagesschau“ wie der Punkt zum i. Aber das war nicht immer so. Als die „Tagesschau“ 1952 begann, hörte der Zuschauer den Sprecher noch aus dem sogenannten Off, sprich, er war nicht zu sehen, so wie es bei der Wochenschau üblich war und heute noch bei „Euronews“ gehalten wird. Erst seit 1959 gibt es einen sichtbaren Sprecher, wie er mittlerweile bei den Nachrichtensendungen die Regel ist. Dieser erste sichtbare Nachrichtensprecher war Karl-Heinz-Köpcke. 1964 folgte seine Ernennung zum Chefsprecher.

Zum Funk kam der Hanseat über das Militär. Nach dem Abitur, einer angefangenen Kaufmannslehre und dem Arbeitsdienst wurde der am 29.September 1922 in Hamburg geborene Sohn eines Technikers bei der Luftwaffe zum Funker ausgebildet. Als er 1945 in französische Kriegsgefangenschaft geriet, war er Funktruppführer. 1946 fing er bei Radio Bremen an. Dort arbeitete er bereits als Sprecher, allerdings für Hörspiel- und Schulfunksendungen. Köpckes vertrauenerweckende Stimme brachte ihn dann zu den Nachrichten. Ab 1949 sprach er für den Nordwestdeutschen Rundfunk die Hörfunknachrichten, bevor er dann schließlich zur „Tageschau“ ging.

Dort trug er das Seine dazu bei, dass die „Tagesschau“ zu einer Institution wurde mit einer von anderen Nachrichtensendungen unerreichten Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung. Das, was Köpcke in der „Tageschau“ vorlas, haben 80 Prozent der Bevölkerung für die reine Wahrheit gehalten, behauptet zumindest der „Spiegel“.

Aufgrund des enormen Bekanntheitsgrades, der mit dem von Politikern wie dem Bundeskanzler oder Sportikonen wie Uwe Seeler vergleichbar war, aber auch wegen seiner Professionalität und seines Strebens nach Dezenz wurden kleinste Unregelmäßigkeiten wie ein nicht aufgesetzter Ehering bereits zum Gesprächsthema. Als Köpcke sich 1974 im Urlaub beim Tauchen die Oberlippe verletzt hatte und deshalb anschließend zum Kaschieren ein Oberlippenbärtchen trug, löste das Debatten und Proteste aus. Der Bart musste wieder ab. Die Öffentlichkeit war von Köpckes Zuverlässigkeit derart verwöhnt, dass der Boulevard die Frage aufwarf, ob Köpcke blau gewesen sei, wenn er sich doch einmal versprach.

Einmal verstieß das „Neutrum im eleganten Sakko“ („Spiegel“) jedoch bewusst gegen sein Dezenzideal. Als der Nachrichtensprecher bei der Einführung der „Tagesthemen“ 1978 neben dem Journalisten, der seine eigenen Texte vorträgt, nur noch die zweite Geige spielen sollte, protestierte er mit demonstrativem Rascheln und Gähnen. Dieser für Köpckes Verhältnisse lautstarke Protest war für manche der Anfang vom Ende der einmaligen Karriere des „Tagesschau“-Sprechers. Allerdings dauerte es nach der sogenannten Gähn- und Raschelaffäre noch fast ein Jahrzehnt, bis Köpcke nach über 5000 Auftritten am 10.September 1987, 19 Tage vor seinem 65. Geburtstag, das letzte Mal den Nachrichtenzettel aus der Hand legte.

Nun wollte der Ex-Nachrichtensprecher reisen und schreiben. 1973 war von ihm bereits die Anekdotensammlung „Guten Abend meine Damen und Herren“ erschienen und ein Jahr später der Roman „Bei Einbruch der Dämmerung“. Hier wollte Köpcke anknüpfen. Doch der Krebs machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Kaum ein Jahr nach seiner Pensionierung musste er sich einer Operation unterziehen. 18 weitere folgten. Nachdem ein Jahr zuvor bereits seine Ehefrau dieser tückischen Krankheit erlegen war, kostete auch sie ihm am 27.September 1991 das Leben. Zwei Tage später wäre er 69 geworden. Manuel Ruoff


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