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08.09.12 / Ein Vater des »Golf« / Für Kurt Lotz kam der Erfolg des »Käfer«-Nachfolgers zu spät

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-12 vom 08. September 2012

Ein Vater des »Golf«
Für Kurt Lotz kam der Erfolg des »Käfer«-Nachfolgers zu spät

Als Kurt Lotz’ Vorgänger an der Spitze des Volkswagenwerkes, Heinrich Nordhoff, 1968 überraschend an den Folgen eines Herzinfarktes starb, hinterließ er ein renommiertes Unternehmen, das er mit einer Modellpalette auf der Basis des VW „Käfer“ zum größten Automobilunternehmen Europas gemacht hatte. Allerdings galt das „Käfer“- und damit das VW-Konzept des luftgekühlten Boxermotors im Heck, der die Hinterräder antreibt, schon bei Lotz’ Amtsantritt als VW-Vorstandsvorsitzender nicht mehr als auf der Höhe der Zeit. Der Trend ging stattdessen zum wassergekühlten Frontmotor mit Frontantrieb. Lotz stand ähnlich wie nach ihm sein unmittelbarer Nachfolger Rudolf Leiding der undankbaren Erwartungshaltung gegenüber, die Modellpalette grundlegend zu modernisieren und dabei weiterhin die gewohnten Gewinne einzufahren. An der Doppel­aufgabe scheiterten beide.

Kurt Lotz entstammte bescheidenen Verhältnissen. Nach dem Abitur war für den vor 100 Jahren, am 18. September 1912, im hessischen Lenderscheid geborenen Bauernsohn ein Studium nicht drin. Acht Geschwister forderten auch ihr Recht. So ging er zu Vater Staat. Der als geradlinig beschriebene Hesse schlug die Polizeilaufbahn ein. 1935 machte er nicht nur das Polizeioffizierexamen, sondern wechselte auch zur Luftwaffe. Aus gesundheitlichen Gründen musste er sich von den Kampffliegern zur Flakartillerie versetzen lassen. Lotz machte bei der Wehrmacht Karriere, brachte es bis zum Generalstabsoffizier und Major. Beachtlich ist auch, dass er, kaum dass er bei Kriegsende in Kriegsgefangenschaft geraten war, noch im selben Jahr drei Fluchtversuche unternahm, von denen der letzte dann auch glück­te.

Lotz zog im übertragenen Sinne die Uniform aus und startete eine zweite Berufskarriere als Kaufmann. 1946 begann er im Dortmunder Zweigwerk von Brown, Boveri & Cie. (BBC) eine kaufmännische Lehre und arbeitete sich in nur einem Dutzend Jahren vom Lohn- und Materialabrechner zum Generaldirektor der BBC in Mannheim hoch. Im Jahre 1967 holte ihn Nordhoff nach Wolfsburg zum Volkswagenwerk. Ein Jahr später war Nordhoff tot und Lotz sein Nachfolger.

Bereits vor der Übernahme des Vorstandsvorsitzes hatte Lotz die Bildung einer Planungsgruppe zur Ausarbeitung einer neuen Modellpolitik initiiert, was dann schließlich zum VW „Golf“ sowie dem Audi 80 und dem VW „Passat“ führte. Diese Erfolgsmodelle kamen allerdings zu spät, als dass sie Lotz noch hätten seinen Posten retten können. Statt dessen fiel in seine Ära die Vorstellung zweier weniger erfolgreicher Volkswagen, die sich als Mittelklassewagen auch noch gegenseitig Konkurrenz machten, ohne dass ein Baukastensystem für irgendwelche Synergie­effekte gesorgt hätte. Da war zum einen der im August 1968 vorgestellte Versuch, noch einmal das Letzte aus dem veralteten „Käfer“-Konzept herauszuholen. Im Herbst 1969 folgte diesem „Nasenbär“ genannten VW 411 der konzeptionell modernere VW K70. Dieser von NSU entwickelte Wagen besaß zwar bereits einen wassergekühlten Frontmotor und Frontantrieb, konnte sich jedoch gegen den nur ein Jahr vorher vorgestellten und konzeptionell ähnlichen, aber weniger eckigen und kantigen Audi 100 aus dem selben Konzern kaum durchsetzen.

Gewinneinbrüche sowie sein Versuch, Einflussnahmen von außen auf das Unternehmen zu begrenzen, ließen Lotz scheitern. Der Nichtverlängerung seines Vertrages kam er 1971 mit seinem Rück­tritt zuvor. Er zog sich ins Privatleben zurück. Die Früchte seiner Arbeit konnte er nicht mehr ernten, aber er erlebte sie noch. Er starb erst am 9.März 2005 in Hannover.    M.R.


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