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08.09.12 / Mehr als nur der Papageno / Anschauliches Porträt des 1812 verstorbenen Emanuel Schikaneder

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-12 vom 08. September 2012

Mehr als nur der Papageno
Anschauliches Porträt des 1812 verstorbenen Emanuel Schikaneder

Er war ein Tausendsassa und im lag das Theater im Blut, das man sich nur vorstellen kann: Der am 1. September 1751 in Straubing geborene und am 21. September 1812 in Wien verstorbene Johann Emanuel Schickaneder war Theaterdirektor, Schauspieler und Sänger sowie Dichter, Komponist und Manager in einer Person. In der deutschen Theatergeschichte dürfte es wenig vergleichbare Talente geben. Sein Lebenskreis lag in Wien und im österreichisch-bayerischen Raum. Hier hat er Theatergeschichte geschrieben, auch wenn er heute vor allem als Librettist von Mozarts „Zauberflöte“ und als erster Darsteller des Papageno in Erinnerung ist. Nur recht, dass ihm jetzt zu seinem 200. Todestag die Literaturwissenschaftlerin Eva Gesine Baur eine ebenso kenntnis- wie materialreiche Biografie widmet.

Letztlich ist Schickaneders Vita der erstaunliche Lebenslauf eines Selfmade-Mannes, der sich aus der untersten sozialen Schicht –der Vater war Tagelöhner, die Mutter Magd – zu einem der führenden Theaterleute in der kunstverwöhnten Hauptstadt der Habsburger emporgearbeitet hat. Wie in anderen Fällen wird auch hier ein aufgeweckter und kunstbegabter Junge von kirchlichen Einrichtungen, bei Schikaneder von den Jesuiten, aufgefangen und erhält bei spartanischem Leben eine solide Ausbildung vor allem in den musischen Fächern. Früh merkt er, dass seine Bestimmung das Theater ist; als 23-Jähriger steht er bereits auf der Bühne des Hoftheaters in Innsbruck; wenig später hat er – dem oft herablassend beurteilten „fahrenden Gesindel“ angehörend – eine eigene Truppe, die er über Augsburg, Graz und Pressburg schließlich nach Wien führt.

Die Wiener Jahre von 1789 bis zu Schikaneders Tod 23 Jahre später nehmen den Hauptteil des Buches ein. Die Autorin hat als Untertitel „Der Mann für Mozart“ gewählt, was nicht falsch, aber doch nur halbrichtig ist. Bis zu Mozarts Tod im Dezember 1791 erzählt sie beider Leben fast auf gleicher Ebene, – ein Kunstgriff, der vielleicht berechtigt ist, kennen wir heute diesen ungewöhnlichen Theatermann doch wirklich in erster Linie aus der „Zauberflöte“, die ein so andauernder Erfolg wurde, dass sie den oft am Ruin balancierenden Theaterdirektor immer wieder aus der Klemme half. Letztlich aber war Schikaneder weit mehr: Ein vom Theater besessener Schauspieler, der inszenierte, dichtete, komponierte, alle männlichen Stimmlagen beherrschte (den Papageno sang er einige hundert Male), sich in der Konkurrenz zu den mächtigen Hoftheatern lange behauptete und kurz nach 1800 mit dem in risikoreicher Eigenregie betriebenen Neubau eines Theaters – des Theaters an der Wien, in dem 1805 Beethoven mit seiner ersten „Fidelio“-Fassung verunglückte – ein bis heute bewundernswertes Theaterexperiment vollbrachte.

Intrigen und Finanznöte, dazu eine oft bissige Kritik und eine giftige Zensur, denen sich auch Mo-zart und teilweise sogar Beethoven ausgesetzt sahen, gehörten bei Schikaneder zum Alltag. Zwei Jahrzehnte hat er ausgehalten, dann musste er aus finanziellen Gründen aufgeben. Und er hatte sich aufgerieben; als sich im Herbst 1812 ein verheißungsvoller Neubeginn in Budapest anbahnte, versagten Psyche und Physis; von einem Tag auf den anderen wurde er verwirrt, dämmerte in Wien dahin und starb, ebenfalls wie Mo-zart, arm und verlassen.

Die Autorin hat mit immensem Fleiß alles eingängige Quellen- und Archivmaterial ausgewertet; Schikaneders Leben und die Wiener Theaterwelt um die Jahrhundertwende werden anschaulich und lebendig. Vielleicht inspiriert von ihrem „Helden“ bleibt sie nah an den Personen und lässt sich von der Dramatik des Geschehens treiben; die Ausläufer der großen Wiener Musiktradition des 18. Jahrhunderts, in die Mozart und Schikaneder ja noch hineinkamen, und die ebenso nachhaltigen gesellschaftlichen Veränderungen durch die Napoleonische Zeit sind weniger berücksichtigt. Gleichwohl eine dankenswerte Erinnerung an einen Theatermann, der endlich seinen gebührenden Ehrenplatz unter den Großen dieser Zunft erhält.       Dirk Klose

Eva Gesine Baur: „Emanuel Schikaneder. Der Mann für Mozart“, Verlag C. H. Beck, München 2012, gebunden, 384 Seiten, 22,95 Euro


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