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15.09.12 / Wie Friedrich II. eine »Jugendsünde« einholte / Als König wollte der Hohenzoller von seinem idealistischen Werk »Anti-Machiavel« nichts mehr wissen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 37-12 vom 15. September 2012

Wie Friedrich II. eine »Jugendsünde« einholte
Als König wollte der Hohenzoller von seinem idealistischen Werk »Anti-Machiavel« nichts mehr wissen

Nein, politisch korrekt war das absolut nicht, was Kronprinz Fried­rich 1739 mit dem Werk „Anti-Machiavel, oder Versuch einer Kritik über Nic. Machiavels Regierungskunst eines Fürsten“ zu Papier brachte. Als König hat er es dann gleich darauf auch nicht mehr gemocht. Er wünschte sich sogar, er hätte niemals einen „Anti-Machiavel“ geschrieben. Aber dazu war es zu spät. Das Traktat war raus und wurde überall in Europa mit großer Empörung gelesen. Nur nicht in Preußen. Dort war die Schrift offiziell nicht erhältlich.

Begonnen hatte die Geschichte, als der damalige Kronprinz Fried­rich 1736 einen Briefwechsel mit dem zu jener Zeit schon berühmten französischen Philosophen Voltaire aufnahm. Mit einem künftigen König zu korrespondieren, das schmeichelte auch Voltaire. Noch vor der offiziellen Herausgabe sandte er dem Kronprinzen einige Kapitel aus seiner historischen Studie über die Zeit des Sonnenkönigs Louis XIV. Der Prinz lobte, was er las, bemängelte aber nachdrücklich, dass Voltaire den Italiener Niccolò Machiavelli zu den bedeutenden Männern seiner Zeit rechnete. Die Ansicht teilte er ganz und gar nicht.

Machiavelli hatte 1513 ein Buch geschrieben, das seither als Standardwerk der Staatsführung galt: „Il Principe“ („Der Fürst“). Darin wird beschrieben, wie Macht erhalten wird und Fürsten führen sollen. Aus dem Denken der Renaissance entwickelt, galt das Werk inzwischen vielen als Leitfaden für absolute Rücksichtslosigkeit und Skrupellosigkeit. Machiavelli vertrat die Auffassung, der ideale Fürst sei ein durch keine Moral gehemmter Alleinherrscher. Für sein öffentliches und sein privates Handeln müsse der Fürst unterschiedliche Maßstäbe anlegen. Über zwei Jahrhunderte war das Buch Grundlage jeglicher fürstlichen Erziehung. Auch Kronprinz Friedrich hatte seinen Machiavelli lesen müssen – und sich gegen dessen Gedanken aufgelehnt. In Teilen empörten sie ihn geradezu.

In einem Brief von 22. März 1739 deutete Friedrich Voltaire an, er beabsichtige, eine Schrift wider Machiavelli zu verfassen. Voltaire ermunterte den Kronprinzen zu seinem Vorhaben.

Fortan förderte Voltaire den Fortgang der Arbeit. Friedrich sandte ihm erste Kapitel zu. Er erwartete weniger inhaltliche als vielmehr sprachliche Überprüfung, schließlich wurde das Manuskript in französischer Sprache verfasst. Jedoch nahm Voltaire auch auf Gliederung und Aufbau Einfluss.

Als das Manuskript abgeschlossen war, hatte Friedrich gründlich mit Machiavelli abgerechnet. Der Kronprinz entrüstete sich: „Ich wage es, die Verteidigung der Menschlichkeit aufzunehmen wider ein Ungeheuer, das sie verderben will, die Vernunft und die Gerechtigkeit der Sophisterei und dem Verbrechen entgegenzusetzen. Ich habe immer den ‚Fürsten‘ für eines der gefährlichsten Bücher der Welt angesehen, denn ein ehrgeiziger junger Mensch, der noch zu unreif ist, um Gut und Böse zu unterscheiden, kann nur zu leicht von Grundsätzen in die Irre geführt werden, die seinen Leidenschaften schmeicheln … Die Leidenschaften der Könige sind gefährlicher als Überschwem­mun­gen, Pest und Feuersbrunst, denn ihre Folgen sind von längerer Wirkung.“

In seinem „Anti-Machiavel“ stellt Friedrich dem keiner Moral verpflichteten absoluten Herrscher den Souverän gegenüber, der „le premier domestique“, also der erste Diener seines Staates ist. Das Werk ist gründlich durchdacht, wird aber Machiavelli nicht in allem gerecht. Friedrich berücksichtigte weder die Zeit noch die Umstände, unter denen Machiavelli seine Arbeit verfasste. Nicht in jedem Teil ist der „Anti-Machiavel“ eine Abrechnung. Besonders in den letzten Kapiteln nähert sich Friedrich der Gedankenwelt des Florentiners, wenn er einräumt, zwar müsse ein Fürst grundsätzlich unverbrüchliche Vertragstreue wahren, doch: „Ich gestehe übrigens, dass es bedauerliche Notwendigkeiten gibt, in denen der Fürst nicht umhin kann, seine Verträge und seine Bündnisse zu brechen.“

Noch mehr zum politisierenden Praktiker wurde Friedrich im letzten Kapitel, in dem er über gerechte und ungerechte Kriege reflektierte. Er räumte ein: „Krieg ist ein Notbehelf, der nur in verzweifelten Fällen und angewandt werden darf, wenn man sorgfältig geprüft hat, ob einen Hochmut oder ein gewichtiger Grund dazu bewegen.“ Allerdings differenzierte er, indem er zwischen Verteidigungskrieg (auf jeden Fall gerecht), Interessenkrieg (erforderlich, wenn Rechte gewahrt werden müssen) und Präventivkrieg unterschied.

Auch ein Angriffskrieg müsse nicht zwangsläufig ungerecht sein: „Wenn die außergewöhnliche Größe einer Macht alle Dämme zu sprengen scheint und die Welt zu verschlingen droht, dann ist es die Art der Klugheit, Deiche zu errichten und den reißenden Strom zum Stehen zu bringen, solange man ihn noch unter Kontrolle hat. Man sieht die sich zusammenballenden Wolken und das Blitzen, das dem Sturm vorausgeht. Der Herrscher, dem diese Gefahr droht und der das Unwetter allein nicht abwenden kann, sollte alle die zusammenbringen, die von dergleichen Gefahr bedroht sind. Da man geringere Übel vorziehen muss, tut ein Fürst besser daran, in einen Angriffskrieg einzutreten, solange er noch zwischen Krieg und Frieden wählen kann, als zu warten, bis die Lage verzweifelt ist und eine Kriegserklärung seine Versklavung und seinen Untergang nur noch um Augenblicke hinausschieben kann. Also sind alle Kriege gerecht, die das Ziel haben, einem Usurpator zu widerstehen, verbriefte Rechte aufrecht zu erhalten, die Freiheit der Welt zu bewahren und die Unterdrückung und Gewalttat von Ehrgeizigen abzuwehren. Fürsten, die solche Kriege unternehmen, brauchen sich das Blutvergießen nicht zum Vorwurf zu machen.“

Nach Abschluss des Manuskriptes kamen Friedrich Bedenken, es drucken zu lassen. Der Tod seines Vaters und damit die Nachfolge auf den Thron waren absehbar. Er fürchtete diplomatische Komplikationen und forderte Voltaire auf, die bereits eingeleitete Veröffentlichung des Werks abzubrechen. Das jedoch stieß auf den Widerstand des beauftragten Verlegers und Druckers Jean van Duren in Den Haag. Der versprach sich von dem skandalträchtigen Werk eines soeben gekrönten Königs ein prächtiges Geschäft. Folglich weigerte er sich, von dem Vertrag zurückzutreten. Im Gegenteil, in einer Zeitungsanzeige kündigte er am 25. Juli 1740 das baldige Erscheinen des „Anti-Machiavels“ an.

Voltaire gab nun vor, das Manuskript noch einmal korrigieren zu müssen. Das durfte er jedoch nur unter Aufsicht im Büro des Verlegers. Die angeblichen Korrekturen waren sinnentstellender, grotesker Unsinn. Van Duren erkannte das und drohte, das Werk in genau dieser unsinnigen Form herauszubringen, falls Voltaire nicht die ursprüngliche Fassung wieder herstelle.

Nun bot Voltaire dem Verleger Geld, falls er auf die Veröffentlichung verzichte. Doch der blieb hartnäckig. Er wollte das Buch zur Messe am 29. September 1740 in Leipzig fertig haben. Das gelang. Der „Anti-Machiavel“ kam ohne das Vorwort Voltaires heraus. Am 4. Oktober bot van Duren das Buch in Den Haag an. Der erwartete Ärger ließ nicht auf sich warten. Alle Diplomaten in Den Haag berichteten an ihre Regierungen. Und Friedrich II., der König von Preußen, teilte Voltaire mit, er werde seine Autorenschaft bestreiten. Klaus J. Groth


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