26.01.2022

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29.09.12 / Finissage

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 39-12 vom 29. September 2012

Finissage
von Vera Lengsfeld

Die Zionskirche zu Berlin liegt mitten im Prenzlauer Berg, wo er am dichtesten besiedelt ist. Im Jahr 1988 war diese Kirche der Ort, an dem die Opposition der DDR zum ersten Mal international wahrgenommen wurde.

Hier befand sich die Umweltbibliothek, ein Brennpunkt des Widerstandes gegen die DDR-Diktatur. Hier konnte man verbotene Bücher lesen, die Zeitungen der Opposition wie die „Umweltblätter“ und den „Grenzfall“ bekommen, die neuesten Nachrichten über geplante Veranstaltungen erfahren. Mit Recht war die Umweltbibliothek der Staatssicherheit ein Dorn im Auge. Am 24. November 1977 wurde sie regelrecht überfallen, mehrere Aktivisten verhaftet, die Druck­sachen und Geräte beschlagnahmt.

Schon kurz darauf waren viele in Berlin lebende Oppositionelle informiert. Noch in der Nacht traf man sich im Atelier von Bärbel Bohley, das sich in der Nähe der Zionskirche befand, und beschloss, auf die Verhaftungen mit einer Mahnwache zu reagieren. Diese Aktion wurde ein voller Erfolg. An der Kirchentür, gut sichtbar für die vorbeifahrende Straßenbahn, wurden Transparente mit der Forderung nach Entlassung der Verhafteten gehängt und Kerzen aufgestellt. Nach wenigen Stunden war das gesamte Gelände rund um die Kirche mit Plakaten, Blumen und Kerzen bestückt. Die in der Hauptstadt akkreditierten Journalisten stellten sich ein, bald auch solche mit einem Tagesvisum. Am Abend konnte die Kirche nicht mehr alle Leute fassen, die gekommen waren, um ihre Solidarität zu bekunden. Am dritten Tag musste die Staatssicherheit klein beigeben und die Verhafteten entlassen. Die DDR-Opposition hatte ihre erste große Kraftprobe mit dem Regime bestanden.

Heute ist die Zionskirche leider ziemlich heruntergekommen. Der Innenraum ist völlig verstaubt, eine Folge der Baureparaturen, die dringend gemacht werden mussten, um den Verfall zu stoppen.

Trotzdem gab es keinen passenderen Rahmen für die Ausstellung der Malerin Gudrun Boiar, die in ihrer „Blauen Reihe – Starke Frauen der Friedlichen Revolution“ der DDR zwanzig Aktivistinnen porträtiert hat.

Boiar stammt aus dem Westen und betreibt seit einigen Jahren ein offenes Atelier im Prenzlauer Berg. Von ihren Nachbarn und Besuchern hat sie viel über die jüngste Geschichte ihrer neuen Heimat erfahren.

Es imponierte ihr, dass der Prenzlauer Berg eine der Hochburgen der DDR-Opposition war, noch mehr, dass die Mehrzahl der Aktivisten Frauen waren. So reifte ihr Entschluss, diese Frauen symbolisch zu ehren. Die Ausstellung hing leider nur sechs Wochen. Sie wäre es wert, einen permanenten Platz zu bekommen. Bis dahin kann man die Bilder nur auf Boiars Homepage (www.gudrun-boiar.de) bewundern. Ein Besuch dort lohnt sich.


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