19.01.2022

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29.09.12 / Weidmanns Weitblick

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 39-12 vom 29. September 2012

Weidmanns Weitblick
von Hans Heckel

Die Zeiten, da Notenbanker durch besondere Diskretion glänzten, sind vorüber. Nervosität und fundamentale Meinungsverschiedenheiten verleiten zum offenen Schlagabtausch unter den Währungshütern des Euro-Raums. Daran haben wir uns gewöhnt. Doch was Bundesbank-Präsident Jens Weidmann neulich über den Euro zum Besten gab, ließ selbst die Hartgesottenen aufhorchen.

Der Euro sei nichts weiter als „bedruckte Baumwolle“, ließ Weidmann seine Zuhörer bei einem Bankertreffen in Frankfurt am Main wissen. Kaum anzunehmen, dass der Bundesbankchef lediglich über den Werkstoff der Geldscheine aufklären wollte. In der Formulierung schwang unverhohlenen Verachtung mit. Verachtung für eine Währung, für die Weidmann als oberster deutscher Währungshüter immerhin eine Mitverantwortung trägt. Warum also wählte er derart abfällige Worte?

Weidmann ist als Verteidiger der alten D-Mark-Strategie des festen Geldes in der Führung der Europäischen Zentralbank (EZB) mittlerweile vollständig isoliert. Selbst der andere der beiden deutschen Vertreter, der Merkel-Gesandte Jörg Asmussen, ließ ihn zuletzt im Stich und stimmte mit EZB-Präsident Mario Draghi für die weitere Aufweichung des Euro. Nur Weidmann votierte dagegen.

Eigentlich wäre zu erwarten, dass der Bundesbankpräsident nun zurückweicht, um unter Zugeständnissen wieder Freunde zu gewinnen. Aber das tut er nicht. Stattdessen zieht er unbeirrt den Kurs durch, der einst für die D-Mark bestimmend war.

Was treibt ihn an? Womöglich denkt Jens Weidmann längst über den Euro hinaus. Genauer gesagt: Über das Scheitern einer Politik des lockeren Geldes, die mittlerweile Euro, US-Dollar, Yen und Britenpfund vereint. In der Vergangenheit, das weiß nicht bloß Weidmann allein, führte eine solche Politik zum Zusammenbruch ganzer Währungen. Was, wenn es diesmal nicht anders wird? Wenn der Euro über eine galoppierende Inflation in eine verheerende Vertrauenskrise stolpert und zerbricht?

Dann bedürfte es einer neuen Währung, der die Menschen wieder vertrauen. Sei es eine neue D-Mark, ein „Nord-Euro“ – was auch immer. Nur welche Instanz besäße nach einem von Politik und EZB gleichermaßen verursachten Großdesaster noch die Glaubwürdigkeit, dass man ihr das Versprechen eines wirklich stabilen Geldes abnähme?

Wie es aussieht, geht es Jens Weidmann nur noch darum, das Ansehen der Bundesbank heil durch den drohenden Zusammenbruch zu bringen, damit eben sie diese Instanz sein kann, der die Menschen noch vertrauen. Und zwar, weil sie kompromisslos am richtigen Kurs festhielt, selbst als von allen Seiten nur noch Gegenwind kam.


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