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20.10.12 / Ein tragischer Held / Vor 100 Jahren wurde der Jagdflieger Hermann Graf geboren

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 42-12 vom 20. Oktober 2012

Ein tragischer Held
Vor 100 Jahren wurde der Jagdflieger Hermann Graf geboren

Vom Feldwebel der Reserve zum Oberst in nur fünf Jahren. Einer der wenigen, denen das gelungen ist, war der Jagdflieger Hermann Graf. Aus einfachen Verhältnissen stammend, arbeitete der am 24. Oktober 1912 im badischen Engen geborene Graf zunächst als Schmied und dann als Angestellter bei der Stadtverwaltung. 1933 begann er mit dem Segelfliegen, erwarb 1936 den Pilotenschein für Motorflugzeuge und meldete sich freiwillig zur Luftwaffen-Reserve. Bei Kriegsbeginn wurde Graf als Feldwebel einberufen und flog im Frankreich- und Griechenlandfeldzug, ohne einen einzigen Schuss abzugeben. Doch mit seiner Versetzung an die Russlandfront zum Jagdgeschwader 52 begann sein Aufstieg zum Jagdflieger-As.

Grafs große Leidenschaft war das Fußballspiel. Vor dem Krieg gehörte er zum erweiterten Kader der Nationalelf und war einer der besten deutschen Nachwuchstorhüter. Von seinem Sport wollte er auch als Soldat nicht lassen. Gemeinsam mit dem Reichstrainer Sepp Herberger sorgte er dafür, dass die Spitzenspieler nach ihrer Einberufung zur Wehrmacht auf sichere Posten in seinem Geschwader versetzt wurden. Bei jeder Gelegenheit wurde gekickt. Seine Militärmannschaft „Rote Jäger“ genoss einen legendären Ruf und konnte es mit den besten Teams Europas aufnehmen. Auf diese Weise sorgte Graf dafür, dass Herberger seine Vorkriegserfolge nach 1945 mit großen Teilen der alten Nationalmannschaft fortsetzen und schließlich das „Wunder von Bern“ feiern konnte.

Seinen ersten Abschuss erzielte Graf am 4. August 1941. Er benötigte dann nur etwas mehr als ein Jahr, um auf 172 Luftsiege zu kommen, wofür er mit den Brillanten zum Ritterkreuz ausgezeichnet wurde. Nur wenige Tage später besiegte er als erster Jagdflieger seinen 200. Gegner. Bald darauf erhielt er Flugverbot. Für die Propaganda war ein lebender Graf wertvoller als ein toter Held. Sein Aufstieg vom aus einfachen Verhältnissen stammenden Feldwebel zum hochdekorierten Major entsprach ganz der NS-Ideologie von der standeslosen Volksgemeinschaft, in der es jeder zu etwas bringen könne. Graf trat in der Wochenschau auf und avancierte fast zum Nationalhelden. Auch wenn er Ruhm und Glanz schätzte, wäre er viel lieber bei seinen Kameraden an der Front gewesen. Nach der schließlichen Aufhebung des Flugverbots durfte er zunächst nur in der Reichsverteidigung fliegen, wo er zehn alliierte Bomber vom Himmel holte. Im Ok­tober 1944 kehrte er als Kommodore zu seinem alten Geschwader zurück. Der Krieg endete für den mehrfach verwundeten Oberst und Sieger in 212 Luftduellen, als er den Befehl, sich in Sicherheit zu bringen, ignorierte und mit seinen Männern in US-amerikanische Gefangenschaft ging. Wenige Tage später wurden sie an die Sowjets ausgeliefert.

Mit der Gefangenschaft war Graf seiner Gloriole beraubt. An deren Stelle trat das entwürdigende Dasein eines „Plenni“. Damit war Graf überfordert. Er entwickelte eigene Gedanken über Vergangenheit und Zukunft und kooperierte sogar mit der Sowjetpropaganda. Von begrenztem Intellekt, bescheidener Bildung und noch immer jung an Jahren, war der tapfere Soldat diesem Angriff auf seinen Charakter und seine Integrität nicht gewachsen. 1950 wurde Graf aus der Gefangenschaft entlassen. Nun war es Herberger, der ihm half, indem er ihm eine Anstellung vermittelte. Von seinen Fliegerkameraden isoliert, starb Graf am 4. November 1988 in seiner Heimatstadt. J.H.


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