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20.10.12 / Eindrucksvolles Wolkenschauspiel / Ein Spaziergang am See in der ostpreußischen Heimat macht süchtig nach mehr

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 42-12 vom 20. Oktober 2012

Eindrucksvolles Wolkenschauspiel
Ein Spaziergang am See in der ostpreußischen Heimat macht süchtig nach mehr

Wald umschließt den See wie eine dunkle Spange. Es ist kein großer See. Von meinem Platz am östlichen Ufer, der einzigen Stelle, an der der Baumschatten zurück-weicht und Gras, Sand und Schilf das Bild bestimmen, sind es vielleicht nur ein paar hundert Meter bis zum jenseitigen Ufer.

Seine Ausmaße sind bescheiden – seine Schönheit ist es nicht. Wind kräuselt die Wasserfläche, jagt die Wolken über sie hinweg. Der ständige Wechsel von Licht und Schatten sorgt für ein faszinierendes Farbenspiel. Dunkel, fast schwärzlich wirkt der See, wenn sich der Himmel verdüstert. Seine von Böen gepeitschten, aufrauschenden Fluten lassen mich frösteln – abweisend, ja, bedrohlich, scheinen mir plötzlich diese finsteren, wirbelnden Wassermassen.

Hellt es aber auf, zeigt der See sein harmlos-heiteres Alltagsgesicht, tanzen Sonnenreflexe übermütig auf den Wellenkämmen und glitzert es so silbrig-blau, dass ich geblendet die Augen schließe. Stille und Einsamkeit umgeben mich von allen Seiten. Ich sauge beides in mich auf, selbstvergessen, sorgenlos –Meine Versunkenheit endet, als etwas Feuchtes, Kaltes an meine Hand stupst – „Ja, Fido – da bist du ja schon wieder!“, lächle ich und streiche meinem schwarzgelockten Begleiter über den Kopf. Fidos braune Augen blicken mich auffordernd an. „Du hast ja Recht!“, lache ich und stemme mich von den großen Steinblöcken ab, auf denen ich saß. „Zeit, weiterzugehen!“

Wir folgen dem Trampelpfad in östliche Richtung und tauchen nach wenigen Minuten in dichten Nadelwald ein, der sich hier aber in einem nur schmalen Streifen um den See schmiegt und den Blick schnell wieder freigibt.

Ich bleibe stehen. Endloser Himmel wölbt sich über mir: kaltes, blässliches Blau, durchsetzt von schnell dahin ziehenden Wolkenballen. Mein Auge kann sich nicht satt sehen an diesem Farben- und Formenspektrum: ob lichtes Weißgrau oder düsteres Violett, Bänder oder kompakte Ballen – die riesige, wahrhaft grenzenlose Weite des östlichen Himmels bildet eine großartige Bühne für dieses eindrucksvolle Wolkenschauspiel.

Auch Fido scheint den Ausblick zu genießen. Ganz still hockt er da mit hängender Zunge neben mir und betrachtet aufmerksam die sich in sanftem Auf und Nieder dahinschwingende Landschaft. Der Spaniel gehört meinen Wirtsleuten, einem Ehepaar, das den Sprung gewagt hat und seine niedersächsische Heimat gegen die der Vorfahren getauscht hat.

Der Wechsel scheint gelungen, die beiden fühlen sich hier sichtlich wohl und betreiben neben ihrer kleinen Landwirtschaft noch eine Ferienpension. Auch ich genieße meinen Aufenthalt und habe in Fido einen liebenswerten Begleiter gefunden, der sich nun jeden Morgen in Erwartung eines längeren Spaziergangs an meine Fersen heftet.

Für heute haben wir beide genug vom Wandern. Den ganzen Vormittag sind wir unterwegs gewesen; stille Feldwege, kaum befahrene Landstraßen, einsame Gehöfte und Dörfer im Dornröschenschlaf haben der Seele gut getan – nun verlangt der Magen sein Recht. Schließlich geht es auf Mittag zu, wie mir der rasche Blick auf die Uhr verrät.

Trotzdem lasse ich mir Zeit. Kalte, saubere Luft durchdringt mich: reinigend, belebend, Gedanken und Gefühle ordnend. Ich atme tief durch. Wann werde ich wieder unter diesem herrlichen Himmel wandern? Wann mich erneut dieser einzigartigen Stille hingeben können?

Auf dem Heimweg kommen wir noch durch ein Dörfchen, das über einen „Sklep“ verfügt. Ich nutze die Gelegenheit, für mich und Fido eine kleine Stärkung zu erstehen.

Mit einer Wurst für den Hund und einem mit Pilzen und Käse überbackenen Baguette für mich machen wir es uns trotz der Kälte draußen auf der Treppe bequem.

Mein Blick geht über die Dächer der geduckten Holzhäuser hinweg zu den in der Ferne verblauenden Wäldern. Macht dieses Land süchtig? Noch bin ich hier und träume doch schon vom Wiedersehen. Renate Dopatka


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