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20.10.12 / Die landsche Kutsch’ / Erinnerungen an Erminia von Olfers-Batocki (1876 bis 1954)

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 42-12 vom 20. Oktober 2012

Die landsche Kutsch’
Erinnerungen an Erminia von Olfers-Batocki (1876 bis 1954)

Nicht lange nach Ende des Ersten Weltkrieges erregten zwei Aufsätze in der Ostpreußischen Zeitung viele ländliche Gemüter. Bei nachbarlichem Beisammensein kam es zu Streitgesprächen, besonders, nachdem der zweite Artikel als Antwort auf den ersten erschienen war. Seine Verfasserin Erminia von Olfers musste gerade mit geschwollenem Hals im Bett liegen, als die „Ostpreußische“ ihr willkommene Unterhaltung brachte. Kaum aber hatte sie mit dem Lesen begonnen, bekamen Mann und Kind entrüstete Ausrufe zu Ohren. „Na, nun hör sich das mal einer an! Die ‚Landequipage‘ verhohnepiepelt da doch einer unsere guten, alten Kutscher. Entlassen sollen sie werden? Auf den Gütern sollen – ist das die Möglichkeit? Angespanne nach englischem Muster eingeführt werden… junge, glattrasierte Kutscher – hellbraune Livreen – Melonhüte? Neue Equipagen – neue Sielen – und das alles in dieser schweren Zeit, wo sich doch jeder nach der Decke stre-cken muss? Herrschaft nein, sollen die Güter denn alle koppheister gehen vor Feinstreifigkeit?“

Stück für Stück las sie vor und entsetzte sich immer von Neuem. „Nein, Kinder, da muss ich gegenschreiben! Wenn den Artikel auch ein alter Bekannter geschrieben hat, dem werde ich gut geben mit seiner Landequipage! Wisst ihr, was ich drüberschreibe? Die landsche Kutsch‘! Dann werde ich von unseren Kutschern erzählen. Wirklich, Generationen haben sie die Treue gehalten und wir sollen ihnen untreu werden? Wie gut und wie ehrbar sehen sie aus mit ihrem Schnurrbart oder Backenbart, im schwarzen Schößkerock mit den blanken Knöpfen, auf dem Kopf den Zylinder mit der Kokarde! Und an heißen Sommertagen steht ihnen die blau-weiß gestreifte Leinenjacke! Stellt euch mal den Tharauer Kutscher mit seinem Schnurrbart vor, dem rötlich-blonden, wenn er auf dem Schlitten sitzt, Mütze und Umhang aus Fuchsfellen. Kann es ein schöneres Winterbild geben? Ja, und die Alten! Zu den ersten Erinnerungen aus meiner Kindheit gehören sie. Der Kutscher Masur in Grünhoff, der gute „Neumchen“ in Klitten mit seinem runden, roten Gesicht und dem Kaiser-Wilhelm-Bart. Ich sehe und höre ihn noch, wie er meinem Onkel Gottberg das Reitpferd ,Schlonka’ brachte. Dann sagt er zu dem alten Wallach: Joa, joa! Wi ware nu old – ons‘ Jeheimrat, du on ek! Ek denk, for de Junge sönn wi ik nicht fein jenog‘! Und erst unser alter Riegelchen! Wenn der mit meinem Großpapa im Schlittchen auf die Vorwerke fuhr – beide in Schafspelze gehüllt – jeder einen Teckel als Wärmkruke zu Füßen – dann sah er den Großpapa von Zeit zu Zeit von der Seite an. Plötzlich griff er in den Schnee: „Gnädjer Herrke, de Näs verfarwt sek!“ Und rieb dessen breite Nase. Ein Weilchen später zog Großpapa den Handschke aus, griff in den Schnee „Riegelke, de Näs‘ verfarwt sek“ und rieb dessen breite Nase, bis sie wieder gut durchblutet war. So ging es immer abwechselnd und beide Nasen kamen unangefroren nach Hause. Ach, wie liebten wir Kinder den Kutscher Riegel. Die meisten freien Stunden verbrachten wir natürlich im Kutschstall. Wir reichten noch kaum mit der Hand bis zur Pferdemähne, da lernten wir schon striegeln und kämmen. Und dann als nächstes den Stall ausfegen und später das Füttern. Wir kullerten die Räder der aufgebockten Wagen, während Riegelchen sie mit einer riesigen Gießkanne begoss. Na, und dann durften wir auch die Achs‘ schmieren und anspannen. Morgens huckten wir auf dem klapperigen Grünfutterwagen und fuhren mit aufs Feld. Wenn wir dann zurück kamen zum Hof, lagen wir auf dem Kleefuder, zerzupften Rotkleeblüten und lutschten daraus die schönen, süßen Honigtropfen. Im Wagenschauer, während der Kutscher seine Livree ausbürstete, die Knöpfe blank rieb, Stiefel und Sielen wichste, kletterten wir auf den Wagen herum. Wir krochen unter das Verdeck des großen Landauers, klemmten uns in das kleine Coupé, schaukelten auf dem „Großen Gelben“ oder auf der einsitzigen „Spinne“ mit ihren hohen, dünnen Rädern. Und wenn wir bei Riegel die ersten Reitstunden hatten – ach, dann ging es aber streng zu – wie bei den Husaren! Ja, geliebt und geachtet werden die Kutscher. In der ganzen Umgegend hat man Respekt vor ihnen. Dabei sind sie durchaus nicht alle gleich, jeder ist eine Persönlichkeit für sich. Der eine ist eitel und putzt stundenlang, der andere hat immer dreckbespritzte Wagen und blinde Knöpfe, aber genommen wird jeder, wie er ist. Die meisten fühlen sich ja untereinander als Rivalen, und jeder will den andern an Schönheit des Angespanns überbieten. Als der Prinz Friedrich Wilhelm von Königsberg fortzog, kauften die Preußisch-Wilter seine schönen Füchse und den gummibereiften Halbwagen. Sogleich verlangte der Groß-Klitter Kutscher einen ebensolchen Wagen und ließ die Schweife seiner Braunen nach dem Vorbild der prinzlichen Füchse bis zu den Sprunggelenken wachsen. Es dauert nicht lange, bis ein Kutscher nach dem andern diese Neuheit durchgesetzt hatte. Aber dadurch verloren sie nicht ihr ehrwürdiges Aussehen. Der gute, ländliche Stil, die preußische Einfachheit blieb erhalten. Und wenn der Kutscher den Wagen voll Gäste zum Bahnhof fuhr und sah, wie eine alte Frau ihr Zich den Sommerweg entlang schleppte, dann hielt er an und rief: „ Na, Venohrsche, kruppe Se man ropp!“ Ja, das muss ich schreiben – darin liegt der Unterschied! Eine Landequipage tut so etwas nicht, die fährt vorbei.“

Erminia Olfers schrieb alles auf, was sie auf dem Herzen und in Erinnerung hatte. Sie freute sich, als die „Ostpreußische“ ihre Kampfansage gegen die Landequipage brachte und Berge zustimmender Briefe eintrafen. Und sie nahm es lachend hin, als in Königsberg auf dem Steindamm eine Jugendfreundin ihr zurief: „Mein Bruder sagt, du bist total verrückt!“ Sie wusste ja, dass die landsche Kutsch‘ den Sieg davontragen würde. So war es auch nicht die Landequipage, die in den folgenden Jahren die landsche Kutsch‘ zu verdrängen anfing, sondern es war das Auto.

Damit begann für viele Kutscher ein tragischer Weg aus der Glanzzeit vieler Stadt- und Landfahrten in ein wenig bedeutendes Bahnhofsfahrtendasein, in einen Alltag, der oft aus Stallarbeit und Anspannen für Selbstkutschierer bestand. Wer konnte das ändern?

Auch sie, die schriftstellerische Landfrau, die sich so insbrünstig für unsere Kutscher alten Stils eingesetzt hatte, fuhr am liebsten ihren Einspänner selbst in die Stadt, beglückte fremde, blasse Kinder, die sie aufspringen und ein Stück mitfahren ließ, erfreute alte Mütterchen in baumlosen Gassen mit bunten, duftenden Sträußen aus fliedergefüllten Waschkörben.

Für ihren gelähmten Mann ließ sie vom Stellmacher in Kreuzberg auf einem alten Autogestell ein bequemes Wagchen bauern. Er konnte leicht einsteigen und selbst auf lehmharten Wegen ohne Gestukere fahren. Sie strich es grün an, bezog die Kissen mit hellem, rauem Leder von Elchen aus dem Tharauer Wald.

Eines Nachts aber fuhr sie im Landauer über das Haff. Nach mühseliger Fahrt die Nehrung entlang musste sie aussteigen, musste die geliebten Pferde und den guten, alten Wagen ihrem Schicksal überlassen. Viele Kutschen rollten zwischen Leiterwagen und Hehlwagen über Eis und Schnee. Nicht alle kamen ans Ziel − wenige sind noch am Leben. Da, wo sie in Gebrauch bleiben konnten, werden sie in Ehren gehalten, gleich, ob Equipage oder landsche Kutsch’. Hedwig von Lölhöffel


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