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20.10.12 / Paddel-Kähne auf träger Peene / Per Kanu durch den Amazonas der Nordens – Mecklenburg-Vorpommerns Schatzkammer der Natur einmal anders erleben

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 42-12 vom 20. Oktober 2012

Paddel-Kähne auf träger Peene
Per Kanu durch den Amazonas der Nordens – Mecklenburg-Vorpommerns Schatzkammer der Natur einmal anders erleben

Schöne Herbsttage bieten sich an, noch ein letztes Mal die Natur zu genießen. Auf der Peene ist das mit Kanutouren möglich, bis das erste Eis kommt. Wer Glück hat, kann sogar Biber, Fischotter und Seeadler erspähen.

Klares Licht, klare Luft, klares Wasser und absolute Ruhe – so gleiten wir an diesem Herbsttag in unserem Kanu über die Peene. Verzaubert von der ungetrübten Stimmung gelingt es sogar, das Paddel fast geräuschlos einzutauchen. Eine Szenerie zum Malen schön: Der Himmel mit seinen weißen Wölkchen, das Schilf, die Büsche und Bäume vom Ufer spiegeln sich so gestochen scharf auf der Wasseroberfläche wider, dass man jedes Bild davon umdrehen könnte, ohne dass es jemand bemerkte. In diesem stillen Winkel Vorpommerns präsentiert sich uns die Natur zu dieser Stunde im perfekten Doppelpack. Mehr geht nicht!

Im Bann dieses Anblicks fällt es schwer, die Augen angestrengt auf das Ufer zu richten, um einen der Biber zu entdecken, die hier in großer Zahl wieder heimisch geworden sind. Für Ungeübte stellen Naturbeobachtungen immer eine Herausforderung dar. Während aus dem Nachbarkanu heraus schon wild gefuchtelt und dabei auf eine bestimmte Stelle am Ufer gezeigt wird, können wir uns noch so anstrengen: Der Biberbau ist zwar auszumachen, sein Bewohner jedoch nicht. Doch Frank Götz, der die Tour leitet, bleibt gelassen. Er kennt „seine“ Peene und weiß: Die Biber werden ihn nicht enttäuschen. Und tatsächlich, auf der Rücktour zum Gasthof Liepen, unserem Startpunkt, schwimmt ein prächtiges Exemplar völlig furchtlos direkt vor unserem Kanu vorbei.

Dabei galt der Biber vor gar nicht so langer Zeit fast schon als ausgerottet. Gehörten im 17. Jahrhundert Biberburg und Biberdamm noch untrennbar zur deutschen Flusslandschaft, war der geschickte Nager um 1714 schon so selten, dass der „Alte Dessauer“, so heißt es über den preußischen Heeresreformer Lepold I. von Anhalt-Dessau, von dem Landgrafen von Hessen für jeden Biber einen Langen Kerl bekam.

Der Peene-Biber wurde vor rund 40 Jahren bei Anklam ausgesetzt. Ursprünglich ein Elb-Bewohner, hat er sich in seiner neuen Heimat so gut eingelebt, dass Naturschützer vor einigen Jahren bereits 80 Biberburgen an der Peene gezählt haben wollen. Dabei befinden sich ihre Bewohner in Gesellschaft einer ähnlich großen Fischotter-Population, worauf schon die zahlreichen Schilder am Rand der Straßen in der Region unübersehbar hinweisen.

„Dazu“, so hatte uns Frank Götz vorab berichtet, „findet man hier auch noch rund 150 Brutvogelarten, darunter See-, Fisch- und Schreiadler, Seeschwalben, Rohrdommeln, Eisvögel und den Milan.“ Der Seeadler, der sich über unseren Köpfen elegant durch die Lüfte schwang, war uns an diesem Abend für die Existenz dieses Vogelparadieses Beweis genug.

Von 1648 bis 1815 war die Peene Grenzfluss zwischen Pommern und dem damaligen Schwedisch-Pommern, bis heute ist sie Bundeswasserstraße, was dem Idyll keinen Abbruch tut. Als ei­ner der letzten unverbauten Flüsse Deutschlands nennt man sie stolz „Amazonas des Nordens“.

Ihren Ursprung hat die Peene im Kummerower See. Von dort erstreckt sie sich über 85 Kilometer bis östlich von Anklam, wo sie in den Peenestrom vor Usedom mündet. Auf diesem Weg durchstreift der Fluss eines der größten zusammenhängenden Niedermoorgebiete Mittel- und Westeuropas. Wieder, denn in einem der größten Naturschutzprojekte Deutschlands ist die Flusslandschaft Peenetal von 1992 bis 2009 renaturiert und 2011 zum Naturpark erhoben worden, dem siebten in Mecklenburg-Vorpommern.

Mit ihrem geringen Gefälle von nur 25 Zentimetern fließt die Peene so ruhig dahin, dass sie sich bestens für Anfänger- oder Familien-Kanutouren eignet, zumal weder Schleusen noch Wehre ihren Lauf stoppen.

Doch so gemütlich wie heute ist es an der Peene nicht immer zugegangen. Wer den kleinen Flusshafen von Menzlin ansteuert und sich per Pedes auf die nahen „Peeneberge“ begibt, steht vor einer archäologischen Sensation. Von 1965 bis 1969 wurde dort ein Gräberfeld mit schiffsförmigen Steinsetzungen der Wikinger ausgegraben, die hier vom 8. bis 10. Jahrhundert am Ufer des Flusses gelebt hatten.

Wer aber einen Archäologischen Park oder ähnliches erwartet, wird enttäuscht. Gäbe es Rainer Vanauer vom Kanu- und Floßverleih Menzlin und seinen Kiosk nicht, würde manch interessierter Besucher den Ort wieder verlassen, ohne die bedeutenden Steinschiffe gesehen zu haben. Über Reste der Via Regia, die hier einst als bedeutende Handelsstraße über die Peene führte, begleitet er Boots-Touristen über Stock und Stein dort hin. Dabei erfährt man: „Bei den Toten-Steinschiffen handelt es sich ausschließlich um Gräber von Wikingerfrauen, die hier vielleicht die Stellung hielten, während ihre Männer im Krieg waren.“ Die in der Tat sehr umfangreichen Funde dieses Handelsplatzes, an dem Wikinger und Slawen friedlich miteinander lebten, lagern, von der gelegentlichen Ausstellung einzelner Stücke abgesehen, im Magazin des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege. Vor Ort findet man – mit etwas Glück – nur eine Tafel mit einigen Abbildungen und kurzen Erklärungen.

In der Nähe hatte vor wenigen Jahren ein Hortfund für Aufsehen gesorgt. Im August 2010 hatten Archäologen auf dem pommerschen Acker einen 1200 Jahre alten Silberschatz gehoben: 70 Münzen und Münzfragmente, vier Barrenfragmente mit einem Gewicht von über 20 Gramm und einen dreifach gewundenen Armring. Bei den Münzen handelt es sich um persische und arabische Prägungen. Die ältesten stammen aus der Regierungszeit des persischen Großkönigs Chosrau II. (590–637), die meisten anderen gehören in die zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts und kommen überwiegend aus Nordafrika. Die jüngste Münze wurde um 818/819 geprägt.

Damit liegt ein weiterer Beweis vor, dass das sich heute dramatisch entvölkernde Land an der Peene im Frühmittelalter eine blühende Handels-Region im Ostseeraum war. Der Hortfund wird im Archäologischen Freilichtmuseum Groß Raden, mitten im Naturpark Sternberger Seenland, gezeigt. „Auch Funde aus Menzlin, die zur Zeit ebenfalls in Groß Raden zu sehen sind, werden“, so Landesarchäologe Detlef Jantzen, „nach gegenwärtiger Planung bis auf weiteres dort bleiben und dann, durch weitere Objekte ergänzt, in die Dauerausstellung übernommen werden.“ Helga Schnehagen


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