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20.10.12 / Islamisten im Visier / Krimi um türkischen Ermittler

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 42-12 vom 20. Oktober 2012

Islamisten im Visier
Krimi um türkischen Ermittler

Elf Jahre lang mussten sich seine Fans gedulden. Jetzt ist der Privatdetektiv Kemal Kayankaya in die Abteilung der Kriminalromane zurückgekehrt. In seinem fünften Fall ermittelt er in Frankfurt gleich in zwei Angelegenheiten. Erst engagiert ihn Valerie de Chavannes, eine ehemalige Escortdame, Bankierstochter und Künstlergattin aus dem Diplomatenviertel, um ihre vermisste Tochter zurück­zuholen. Die 16jährige hatte sich in den türkischen Zuhälter Erden Abakay verliebt, der sich als Fotograf ausgibt, und war von zu Hause ausgerissen. Im Flur der Wohnung des Zuhälters findet der Detektiv die Leiche eines potenziellen Freiers. Er befreit die Tochter seiner Klientin, überwältigt Abakay und inszeniert alles so, als ob Zuhälter und Freier übereinander hergefallen wären. In der Küche findet Kemal Computerdateien, die auf einen Pädophilenring hindeuten.

Beim zweiten Auftrag soll er einen marokkanischen Schriftsteller auf der Frankfurter Buchmesse beschützen. Dieser hat einen Roman über einen muslimischen Kommissar geschrieben, der sein Coming-out erlebt, und ist deswegen in seiner Heimat ins Visier religiöser Fanatiker geraten. Zunächst hält Kemal die Drohbriefe an den Autor für einen Marketingtrick des Verlages. Doch als sich Abakays Onkel, ein Prediger namens Scheich Hakim, einmischt, verbinden sich die beiden Geschichten und die Lage spitzt sich zu.

In seinen ersten Romanen lehnte Autor Jakob Arjouni die Figur des Kayankaya stark an US-amerikanische Klassiker wie Phil Marlowe und Sam Spade an und übertrug die Kulisse des Los Angeles der 20er Jahre in das Frankfurt der 90er Jahre. Ergebnis war ein cooler Deutschtürke mit Trenchcoat und Zigarette im Mund, der Hessisch redet, Bier trinkt und Würstchen isst. Aufgewachsen bei deutschen Adoptiveltern hat er bis auf seinen Namen keinerlei Beziehung zu seinen türkischen Wurzeln. Mittlerweile hat der Anfang 50-jährige Privatermittler das Trinken und Rauchen aufgegeben, wohnt mit seiner Freundin Deborah, einer Weinstubenbesitzerin, in einer bürgerlichen Vier-Zimmer-Wohnung und denkt über das Vaterwerden nach.

Der Krimi bietet eine gelungene Mischung aus spannenden Actionpassagen über Vergewaltigung, Drogenhandel, Entführung und Mord sowie intelligenten Dialogszenen, in denen gesellschaftliche, kulturelle und religiöse Klischees bis an den Rand politischer Korrektheit auf die Schippe genommen werden. Bitterböse mutet Kemals Einladung des muslimischen Scheichs zum „Haxen-Herbert“, einem heruntergekommenen Gasthaus für Schweinespezialitäten, an: „Dass ich Scheich Hakim hierher bestellt hatte, war ein Nazischerz.“ Kayankaya begeistert das Publikum seit fast 30 Jahren mit seinem schwarzen Humor und seiner coolen Cleverness. Doris Dörrie verfilmte den ersten Teil. Bleibt zu hoffen, dass uns sein Schöpfer nicht wieder eine Dekade auf den nächsten Fall warten lässt. Sophia E. Gerber

Jakob Arjouni: „Bruder Kemal. Kayankayas fünfter Fall“, Diogenes, Zürich 2012, 225 Seiten, 19,90 Euro


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