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03.11.12 / Wanderung an der Alle / Zwischen Friedland und Domnaut: alte Sehens- und Denkwürdigkeiten im nördlichen Kreis Bartenstein

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 44-12 vom 03. November 2012

Wanderung an der Alle
Zwischen Friedland und Domnaut: alte Sehens- und Denkwürdigkeiten im nördlichen Kreis Bartenstein

Auf gut 260 Kilometern fließt die Alle quer durch Ostpreußen. Von ihrem Quellgebiet bei Wehlau kommt sie zunächst an Allenstein vorbei, ehe sie über Heilsberg, Bartenstein und Friedland bei Wehlau in den Pregel mündet. Wir sind dem Lauf der Alle in der Gegend um Bartenstein gefolgt.

Der imposant wirkende Stausee bei Friedland in einer reizvollen Landschaft, darin sich die Kräfte der Strömung vervielfachten, durch den Eintritt des Flusses Guber bei Schippenbeil in die Alle verstärkt und bereit, die Turbinen beim „Ostpreußenwerk“ in Bewegung zu setzen, konnte die Schritte des Wanderers hemmen und seinen staunenden Blick fesseln. Mit seiner Breite bis zu 500 Metern war hier in den ersten 20 Jahren die damals für Deutschland größte Tieflandtalsperre entstanden.

Doch die Alle nahm – vorläufig in nördlicher Richtung – ihren Lauf. Unterhalb von Kloschenen und Eichenwäldchen (Gillmannsruh), das noch zu Friedland gehörte, bog der Fluss in die östliche Richtung ab, von den Orten Plaustendorf und Kukehnen flankiert. Etwa dort, wo am rechten Ufer der Althöfer Wald begann, setzte die Alle dann zur großen, nordsüdlichen Doppelscheife an, um über Kipitten und Auglitten vorbei die Ländereien von Gr.-Wohnsdorf zu netzen und die Kreisgrenze nach Allenburg hin zu passieren.

Zwischen Kipitten und Auglitten wurde ein zweiter, weniger weitläufiger Stausee gebaut, um die zusätzliche Kraftanlage in Gr.-Wohnsdorf zu speisen, mit Wehr, Turbinenanlage und Schiffsschleuse; die letztere hatte den Zweck, die Schifffahrt zwischen Wehlau und Friedland nicht eingehen zu lassen.

In der Reihe der markanten Orte im Kreis Bartenstein darf Wohnsdorff nicht vergessen sein. Da war einst die Prussenburg Capostetten. Die Landschaft, von Prussen besiedelt, möglichst nahe an den Ufern der Alle, hieß Wunstorp, woraus sich der Name Wohnsdorf entwickelte. Aber – um mit den Worten der Chronik zu sprechen: „… nachher drang der Kommendator von Königsberg unter Führung des Prussen Thirsko mit einem Heer in das Land ein, das Wohnsdorff heißt, und verwüstete es; das Schloss Capostette eroberte er, verbrannte es und tötete viel daselbst.“

Der Name Capostette war damit ausgelöscht. Auf der steil ansteigenden Höhe, etwa 50 Meter über der Alle, wurde die Ordensburg Wohnsdorff erbaut, es war um das Jahr 1372: ein Wildhaus des Ordens. Von der damals bestehenden „Wildnis“ waren bis in unsere Zeit weitläufige Waldgebiete übriggeblieben, die der Landschaft ihr Gepräge gaben.

Um das Jahr 1468 ging das Schloss und der dazugehörige Landbesitz in Privateigentum über. Der Hochmeister Heinrich von Plauen verlieh es an den neuen Besitzer Hans von Meyer. Nachdem es durch mehrere Hände gegangen war, blieb es seit 1702 fast genau ein Vierteljahrtausend im Besitz der Familie von Schrötter.

Als Zeuge einer 700-jährigen Geschichte war der alte Torturm von Capostette übrig geblieben, mit Mauern, anderthalb Meter dick, einer Schachttreppe, wie der Orden sie für die Sporen der Ritter baute und einer auf eisernem Sockelofen stehenden, aus Biberschwänzen gebauten Zentralheizung, die bis zuletzt in Funktion war. Sie reichte vollkommen aus, um sämtlichen Räumen des dreigeschossigen Turmes behagliche Wärme zu geben.

Um das Land kennenzulernen, nicht nur weitläufig, sporadisch – sondern auch den inneren Reichtum, die verborgenen Züge, genügt es nicht, auf schnellem Gefährt zu fahren, von Ort zu Ort oder von Stadt zu Stadt; ein Gewinn ist es, auf den Landwegen mit einem Klapperwagen dahinzuzockeln. Dabei gewinnt man Zeit, die Landschaft Stück um Stück zu betrachten, man kommt durch Wiesen und Felder, an Gehöften vorbei. Ein Hund bellt und die Hühner gackern und scharren im Strand, und auf den Weiden gibt es Herden von schwarz-weiß gescheckten Kühen. Noch besser ist es, den Weg zu verlassen und querfeldein durch die Gegend zu wandern. Solcherart beschrieb mir eine Bartensteinerin eine Erinnerung aus ihrer Kinderzeit:

„… mein Vater wusste Wege nach Lawd, die kürzer als die Landstraße waren; sie führten durch Wiesen, über Zäune und Gräben. Da kamen wir an einem Bach vorbei, in dem sich Erlen spiegelten. Als Brücke dienten ein paar Stangen mit Knüppeln drübergelegt. Wie seltsam die Weiden mit ihren graugrünen Häuptern aussahen; sobald wir uns näherten, schwirrten Vögel empor mit lautem Geschrei. Der Storch stand auf der Wiese und klapperte, Frösche hüpften über den Steig. Überall blühten Butterblumen, dass es aussah, als hätte es Gold geregnet. Hoch im Blau hörte ich die Lerche singen. Feldhühner strichen vorüber. Ein Hase hoppelte fern über die Ackerfurchen. Ich wurde nicht müde, den Schmetterlingen nachzujagen, dabei hin- und wiederzulaufen und tausend neue Dinge zu erspähen.“

Auf eine ähnliche Art bin ich einmal nach Domnau hineingelangt. Der Bahnhof, an der Eisenbahnlinie Angerburg-Königsberg, über Nordenburg, Gerdauen und Friedland, lag ziemlich weit außerhalb der Stadt, unbelastet von Gepäck machte es mir Spaß, das Ziel erst einmal von außen her zu umwandern; zwischen zwei Kornfeldern auf schmalem Rain gelangte ich schließlich zu einer Allee, die in die Stadt hinein und zur Kirche führte.

Eine Befestigungsmauer hat Domnau niemals gehabt. Wahrscheinlich war die Stadt aus einer Lischke oder einer Burgsiedlung entstanden. Sie lag an der Gertlack, auf zwei Hügeln am Nordrande eines ehemals von Sumpf umgebenen Höhenzuges erbaut, der noch zu einer Höhenkette des Stablack gehörte oder vielmehr heute noch gehört.

Aus dieser Sicht zählte man Domnau zu den Städten, die wie Pr.-Eylau und Landsberg, Zinten und Heiligenbeil, mit ihren land- und forstwirtschaftlichen, technischen und kulturellen Einrichtungen die Kulturlandschaft des Stablack schufen und wie kostbare Perlen in der Landschaft verstreut lagen, voll von pulsierendem Leben und zauberhaft schön.

Das Ordenshaus, das der Komtur der Brandenburg am Frischen Haff als Ordensburg Domnau um 1300 errichten ließ, sollte die Handelswege sichern, die sich hier kreuzten: von Königsberg nach Schippenbeil und von Friedland nach Pr.-Eylau.

Um das Jahr 1458 wurde die Burg durch Kriegseinwirkungen zerstört. Über Generationen hin konnte man ihr einstiges Bestehen nur aus alten Chroniken herauslesen. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckte man die einstigen Kellergewölbe, und zwar auf dem Schloßberg gegen­über der Kirche.

Das Schloss, das wir kennen, und das in unserer Erinnerung weiterlebt, wurde zu Ausgang des 15. Jahrhunderts von Konrad von Eglofstein erbaut, später einige Male umgebaut und erweitert. Es lag in einem weiträumigen Park mit alten Bäumen und weiten Rasenflächen.

Der vorletzte Besitzer, Natango Weidewurth Graf Kalnein und seine Gemahlin geborene Gräfin von der Schulenburg, füllten das Haus mit wertvollen Sammlungen, Rokokomöbeln, alten italienischen Ölgemälden, Delfter Fayencen und wertvollem Porzellan.

Das alles ging 1945 restlos verloren.

Der Kreis Bartenstein entstand auf Grund der neuen Kreiseinteilung im Jahre 1816; das heißt er wurde damals auf den Namen „Kreis Friedland“ benannt.

Damit ging Domnau als die vierte und kleinste Stadt in das Verwaltungsgefüge des Kreises ein, und weil damals der Besitzer von Groß-Klitten, Heinrich von Gottberg, zum Landrat des Kreises berufen wurde und Groß-Klitten nahe bei Domnau liegt, richtete der Landrat sein Domizil in Domnau ein.

Es blieb über ein Jahrhundert dabei; Friedland hat niemals ein Landratsamt in seinen Mauern gehabt, aus dem einfachen Grunde, weil das Amt genauso lange in der Familie der Gottbergs verblieb: drei Generationen hielten Geschicke des Kreises in ihren Händen. Ein Heinrich von Gottberg trat im Jahre 1817 in die Verantwortung ein und gab sie an seinen Sohn Otto von Gottberg ab, als er sein eigenes Leben erfüllet sah. Ein Heinrich von Gottberg übergab das Amt 1930 an den überhaupt letzten Landrat des Kreises Bartenstein Dr. Wever, aus Gesundheits- und Altersgründen, und weil nun wirklich Bartenstein zur Kreisstadt ersehen war und die Kreisverwaltung in das Kreishaus am Allefluss übersiedelte. Dr. Wever überlebte den Krieg nicht.

Um zu der Betrachtung der kleinen Stadt Domnau – ihre Einwohnerzahl hat die 3000 niemals erreicht, geschweige denn überschritten – zurückzukehren: Schlicht und kraftvoll wirkte die Kirche, zugleich das älteste Gebäude der Stadt, wahrscheinlich anschließend an die Erteilung der Handfeste zwischen 1400 und 1406 auf einem Hügel erbaut. Das Innere der Kirche war reich ausgestattet, mit barockem Altar und ebensolcher Kanzel und zahlreichem Patronatsgestühl. An der Südwand befand sich eine beeindruckende sechsfenstrige Logen­empore aus dem Anfang des 17. Jahrhunderts.

Vom Turm hatte man einen weiten Blick über die schöne, bewegte Landschaft. Es heißt, bei klarem Wetter habe man die Türme von Königsberg deutlich gesehen. In näherem Blickpunkt sah man die Güter und Bauerndörfer, wie Pfarrer Engel, der letzte Domnauer Seelsorger, es sehr schön beschreibt, die in der Stadt ihren Mittelpunkt sahen. Hell leuchteten, nordöstlich, hinter Wiesen und Feldern, die Häuser von Gr.-Klitten, dazwischen erhob sich auf einer Anhöhe am Waldesrand das verträumte Sporgeln. Die Schule in Gertlack leuchtete in frischen Farben. Die Höfe vor und um Galitten und das Gut Garbni­cken beschlossen den Rundblick.

Unterhalb der Kirche lag der Marktplatz. Das war Domnau; eine Gottesau hat Pfarrer Engel es einmal genannt. Pb


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