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10.11.12 / Wien wendete sein und Europas Schicksal / Populärwissenschaftliche Biografie über den Osmanenherrscher Süleyman I. mit Schwächen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 45-12 vom 10. November 2012

Wien wendete sein und Europas Schicksal
Populärwissenschaftliche Biografie über den Osmanenherrscher Süleyman I. mit Schwächen

Er gilt als der bedeutendste osmanische Herrscher der frühen Neuzeit. Die Türken nennen Süleyman I. ehrfurchtsvoll den „Prächtigen“ und bewundern den Sultan sowohl als Feldherrn und Krieger als auch als weisen Gesetzgeber und Staatsmann. Den großen Monarchen seiner Zeit, wie dem deutschen Kaiser Karl V., Franz I. von Frankreich, Heinrich VIII. von England und Iwan dem Schrecklichen von Russland, stand er an Machtfülle und Prunk in nichts nach. Die Verehrung Süleymans ist bezeichnend für eine Osmanen-Renaissance, die die Türkei seit einigen Jahren erlebt. Dabei besinnt sich das Land zurück auf das kulturelle und politische Erbe jenes Großreiches, das zwischen dem 14. und 19. Jahrhundert zur Weltmacht aufstieg.

In 16 essayhaften Kapiteln beleuchtet der erfolgreiche niederländische Journalist Henk Boom das Leben und Werk Süleymans. Dank seiner Feldzüge weitete dieser den Herrschaftseinfluss seines Staats aus und machte ihn zu einem wichtigen Akteur der europäischen wie nahöstlichen Politik. Geboren zwischen 1494 und 1496 eroberte er nach dem Balkan die Insel Rhodos und Ungarn. Aus der Aufteilung Ungarns zwischen dem Osmanischen und dem Habsburgerreich entwickelte sich später die österreichisch-ungarische Monarchie. Als 1529 Süleymans Truppen vor Wien standen, zitterte das christliche Abendland. 1534 nahm er den Persern Täbris und Bagdad und unterwarf Tripolitanien und Algerien der türkischen Hoheit. Mit Hilfe des Seeräubers Cheir ed-Din Barbarossa baute er die türkische Flotte auf und beherrschte das Mittelmeer und die Meere bis zum Indischen Ozean.

Innenpolitisch reformierte der Sultan das Steuersystem, die Verwaltung und die Justiz. Seine Beamtenschaft und seine Heerführer rekrutierte er durch die sogenannte Knabenlese, bei der er christliche, vorwiegend männliche Jugendliche aus ihren Familien verschleppen und islamisieren ließ. Ferner förderte er die Wissenschaften, die Literatur und die Baukunst. Der ursprünglich gelernte Goldschmied war sehr belesen, polyglott und verfasste unter dem Pseudonym Muhibbi über 3000 Gedichte. Als er schon über 70-jährig bei einem erneuten Heereszug gegen Ungarn starb, folgte ihm sein Sohn Selim II. auf den Thron.

Für die Spurensuche hat sich der Autor nicht nur in zahlreiche Archive in der Türkei, Ungarn, Wien, Bosnien und auf Rhodos begeben, sondern auch die Menschen vor Ort zu ihrer heutigen Sicht befragt. Neben den zahlreichen Eroberungen beschäftigt er sich mit der Familiengeschichte des Sultans, in der Brudermord ein legitimes Mittel zum Machterhalt darstellte. Eigene Kapitel widmet der Autor Süleymans außergewöhnlicher Beziehung mit der Sklavin Roxelane und dem besonderen Verhältnis zu seinem Hofarchitekten Sinan.

Während Boom häufig den habsburgischen Gesandten Ogier Ghislain de Busbecq sowie Historiker aus dem 19. und 20. Jahrhundert zitiert, vernachlässigt er zeitgenössische Autoren und osmanische Chronisten. Zudem unterlaufen dem Niederländer Fehler. Die falschen Orts- und Personenbezeichnungen (Byzantium statt Byzanz) sowie Sachmängel (nicht Slowenien, sondern Slawonien gehört nach heutiger Geografie zum Osmanischen Reich, der altrömische Autor Plinius der Ältere hat sicherlich noch nicht von den Türken geschrieben) sind teilweise auch den deutschen Übersetzern zuzuschreiben. Für eine historische Biografie hätte man sich mehr Sachlichkeit gewünscht. Stattdessen beschreibt Boom in journalistischer Manier die Atmosphäre seiner Gespräche vom Wetter über die Inneneinrichtung der Büros bis hin zum vermeintlich internationalen Ruf seiner Interviewpartner. Sophia E. Gerber

Henk Boom: „Der große Türke. Süleyman der Prächtige. Sein Leben, sein Reich und sein Einfluss auf Europa“, Parthas Verlag, Berlin 2012, geb., 420 Seiten, 28 Euro


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