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08.12.12 / Was der Vater plante, realisierte der Sohn / Friedrich II. setzte die Einwanderungspolitik seiner Vorgänger fort – Mithilfe von Kolonisten legte er den Oderbruch trocken

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 49-12 vom 08. Dezember 2012

Was der Vater plante, realisierte der Sohn
Friedrich II. setzte die Einwanderungspolitik seiner Vorgänger fort – Mithilfe von Kolonisten legte er den Oderbruch trocken

Pest und Kriege hatten bis ins 18. Jahrhundert hinein ganze Land­striche entvölkert. Die Preußenherrscher erkannten, dass Menschen den wahre Reichtum eines Staates darstellen und holten Hunderttausende Kolonisten in ihren Staat.

Der preußische Werber brauchte nicht lange seine Trommel zu rühren. Schnell war der Fremde in den Dörfern der Pfalz von Menschen umringt. Es waren armselige Gestalten, von Hunger, schwerer Arbeit und Krankheiten gezeichnet. Sie konnten kaum glauben, was der preußische Werber ihnen sagte. Friedrich der Große, seit sechs Jahren preußischer König, lud Bauern und Handwerker ein, in sein Land überzusiedeln. Es war ein verführerisches Angebot, das Friedrich durch seine Werber auch den Menschen in Sachsen, Böhmen, Franken und Polen machen ließ. Sie sollten kostenlos Land, Vieh und Wohnhäuser in neu gegründeten Dörfern erhalten.

In der Pfalz packten besonders viele Familien ihre Habseligkeiten zusammen und machten sich auf den Weg nach Berlin. Unterdrückung, unfähige Herrscher und Missernten hatten sie in bitterste Armut getrieben. Sie sehnten sich nach dem besseren Leben, das der König ihnen versprach. Ein Treck mit 420 Auswanderern kam im Sommer 1747 in Berlin an. Von dort aus ging es auf Kähnen über Spree, Finowkanal und Oder weiter nach Altdamm in Pommern.

Die erste Zeit war für die Kolonisten so hart, dass viele ihren Entschluss bereuten. Statt des erwarteten Paradieses fanden sie eine Wildnis vor. Die Schwerstarbeit bei der Urbarmachung des Bodens, die Unterkunft in provisorischen Hütten und die geringe Entlohnung führten zu einem Aufruhr unter den Pfälzern. Erst nachdem zwei Delegierte der Kolonisten in Berlin bessere Bedingungen zugesichert bekommen hatten, kehrte Ruhe ein. Es dauerte drei Jahre, bis die Häuser gebaut und Felder bestellt waren. Um Streit bei der Landvergabe zu vermeiden, wurden die „Wirtschaften“ per Losverfahren zugeteilt.

Brandenburg und Preußen hatten eine lange Tradition als Zuwanderungsländer. Ab 1670 kamen die ersten „Refugiés“ nach Berlin, Hugenotten, die wegen ihres protestantischen Glaubens in Frankreich grausam verfolgt worden waren. Der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm (1620–1688) empfing sie mit offenen Armen. Es waren meist gebildete, wohlhabende Franzosen, die sich als Beamte und Offiziere schnell in ihrer neuen Heimat etablierten. Für die „Peuplierung“ seines im Dreißigjährigen Krieg verwüsteten Landes brauchte Fried­rich Wilhelm auch Handwerker und Kaufleute. Mit dem Edikt von Potsdam sicherte er den Hugenotten Religionsfreiheit, Steuerbefeiungen und Subventionen sowie die Mitgliedschaft in den Zünften zu. Die Gewährung der Religionsfreiheit war revolutionär. In anderen Ländern galt der Grundsatz „cuius regio, eius religio“ – „wes’ Land, des’ Religion“. Friedrich der Große formulierte diese tolerante Haltung der preußischen Herrscher in seinem berühmten Satz: „Alle Religionen seindt gleich und guht, wan nuhr die leute, so sie profesieren, Erlige leute seindt …“

Der Exodus der Hugenotten war gut organisiert. Sie wurden in Amsterdam, Frankfurt am Main und in Hamburg in Lagern gesammelt und in die Orte rund um Berlin weitergeleitet, in denen Handwerker und Kaufleute am meisten fehlten. Von den 50000 Hugenotten, die nach Deutschland flüchteten, kamen allein 20000 dorthin. Sie ließen sich in den neu gegründeten Stadtteilen Dorotheenstadt und Friedrichstadt nieder. Willkommen waren sie den Einheimischen nicht. Die alteingesessenen Handwerker und Kaufleute neideten ihnen die „Wohlthaten“ der Obrigkeit. Zünfte weigerten sich, sie aufzunehmen. Da die Neuankömmlinge oft nicht mehr mitgebracht hatten, als sie auf dem Leibe trugen, ordnete Friedrich Wilhelm eine freiwillige Kollekte an, die er wegen des mangelnden Erfolgs später in eine Zwangsabgabe umwandelte. Die gut ausgebildeten und tüchtigen Hugenotten trugen wesentlich zum wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung Brandenburgs und Preußens bei. Um 1700 war jeder fünfte Bewohner Berlins ein Hugenotte.

Die Nachfolger des Großen Kurfürsten setzten seine Bevölkerungspolitik fort. Sie siedelten in Ostpreußen und Brandenburg Kolonisten aus der Schweiz, Nassau, Salzburg und der Pfalz an. Im Rhin- und Warthebruch wurden Entwässerungsgräben angelegt und Dörfer gebaut.

Zu dem Vermächtnis Friedrich Wilhelm I. an den Sohn gehörten die Pläne für die Trockenlegung des Oderbruchs. Friedrich machte sich 1747 an die Verwirklichung dieses Mammutprojekts, das mit Kosten von 600000 Talern das größte Bauvorhaben der damaligen Zeit war. Nach Berechnungen des Schweizer Mathematikers Leo­nard Euler und unter der Leitung des holländischen Wasserbauingenieurs Simon von Haarlem begannen 1747 die kulturtechnischen Maßnahmen zur Werterhöhung des Bodens, die sogenannte Melioration, im Oderbruch. 1600 Arbeiter bauten in sechs Jahren einen 19 Kilometer langen, von Deichen eingefassten Kanal. Der Flusslauf der Oder verkürzte sich dadurch um 25 Kilometer. Ein ausgeklügeltes System von Entwässerungsgräben legte das Sumpfgebiet trocken.

Zeitgenössische Stiche zeigen den Alten Fritz bei der Besichtigung des ausgeschachteten Kanals. Es brauchte seine ganze Autorität und eine harte Hand, um die Arbeiten in Gang zu halten. Malaria und der Widerstand der Einheimischen, der mit Waffengewalt erstickt wurde, behinderten den zügigen Weiterbau, aber am 2. Juli 1753 war das kühne Werk vollendet. Mit der Umleitung der Oder gewann Preußen über 32000 Hektar fruchtbares Ackerland.

Bis 1773 entstanden 33 neue Dörfer. Wie in dem Vertrag von Wuschewier sicherte der Alte Fritz allen Kolonisten Steuerleichterungen und eine Beschränkung der Dienstpflicht auf nur etwa ein Zehntel der üblichen Dienstleistungen zu. In dem Vertrag heißt es:

„Wegen dieses von dem Annehmer selbst zu errichtenden Baues und der rohdung werden demselben Acht Frey Jahre dergestalt bewilligt, daß er bis den letzten Juni 1765 von dieser Nutzung nichts entrichten dürfe.“

Während viele Menschen auf dem Lande noch als Leibeigene oder Erbuntertänige für ihre Gutsherren schuften mussten, waren die Kolonisten unabhängige Bauern. Bis zum Tod Friedrichs des Großen hatte Preußen 300000 Einwohner hinzugewonnen. Klaus J. Groth


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