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08.12.12 / Loblied auf eine Gräfin / Die Welt der Marion Dönhoff, und wie ihr Großneffe sie sieht

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 49-12 vom 08. Dezember 2012

Loblied auf eine Gräfin
Die Welt der Marion Dönhoff, und wie ihr Großneffe sie sieht

Die Frau mit Pelzmantel, graugewellten Haaren, Technobrille und Dackel an der Leine fällt beim Spaziergang am Elbstrand auf. „Einige Passanten drehen sich um. Marion bemerkt das gar nicht“, notiert ihr Begleiter. Die Frau mit dem extravaganten Gehabe, die sich wenig um die Meinungen anderer schert, ist die ostpreußische Publizistin Marion Gräfin Dönhoff (1909–2002). Und der Begleiter ist ihr Großneffe und Krimiautor („Savoy Blues“) Friedrich Dönhoff, der sie aus nächster Nähe kannte, seitdem er mit ihr in deren Villa im noblen Hamburger Stadtteil Blankenese eine Zeitlang in einer Art Wohngemeinschaft gelebt hat.

Zehn Jahre nach dem Tod der früheren Herausgeberin der Wochenzeitung „Die Zeit“ hat ihr Großneffe jetzt ein Erinnerungsbuch veröffentlicht. Darin präsentiert er sich als treuer Sancho Pansa eines weiblichen Don Quichotte. Statt gegen Windmühlen kämpft hier eine Aristokratin gegen die bürgerliche Engstirnigkeit an. Verkehrsregeln? Daran können sich andere halten. Die Gräfin braust noch im hohen Alter mit ihrem Porsche-Dienstwagen unbeirrt auf der Elbchaussee der Polizei davon. Wegen Falschparkens stapeln sich bei ihr Strafzettel so hoch wie die „Zeit“-Manuskripte auf dem Schreibtisch.

Mit der verwandtschaftlichen wie auch räumlichen Nähe ist es wohl zu erklären, dass Friedrich Dönhoff seiner Großtante ein euphorisches und von wenig Distanz geprägtes Denkmal setzt. Er schildert sie als eisern-disziplinierte Arbeiterin, die aufrecht am Bürotisch sitzend ihre Leitartikel schrieb. Und er zeigt sie als Frau, der Ostpreußen am Herzen liegt. Bei zwei Reisen in ihre Heimat ist sie zu bewundern, wie sie ein neues, von ihr initiiertes Kant-Denkmal in Königsberg enthüllt. Das alte gilt als verschollen, nachdem es 1944 im Park des Dönhoffschen Schlosses aufgestellt worden war, um es vor Bombenangriffen zu schützen. Bei anderer Gelegenheit weiht sie eine polnische Schule ein, die ihren Namen trägt. Wohl verschreckt vom Hohelied, schildert der Autor den Krebstod der Gräfin dagegen nüchtern-gelassen. Zuvor hatte er ihr versprochen, irgendwann einmal ein Buch über sie zu schreiben. „Wenn Du meinst, dass es jemanden interessiert?“, entgegnete sie nonchalant. Den Diogenes Verlag interessierte es auf jeden Fall. Dass man nach dem Tod Marion Dönhoffs noch Kapital aus ihrer Person zu schlagen weiß, zeigt ein zeitgleich erschienenes Lesebuch mit „Zeit“-Artikeln, Reiseberichten, Briefen und Tagebucheinträgen der Gräfin. Harald Tews

Friedrich Dönhoff: „Die Welt ist so, wie man sie sieht“, Tb., 224 Seiten, 9,90 Euro; Marion Gräfin Dönhoff: „Zeichen ihrer Zeit. Ein Lesebuch“, gebunden, 496 Seiten, 24,90 Euro, beides Diogenes 2012


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