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02.02.13 / Von sterbenden Müttern und toten Vätern / Dokumentarisch wertvolle Sammlung von Zeitzeugenberichten zum Thema Flucht und Vertreibung

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 05-13 vom 02. Februar 2013

Von sterbenden Müttern und toten Vätern
Dokumentarisch wertvolle Sammlung von Zeitzeugenberichten zum Thema Flucht und Vertreibung

Mehr „Sein als Scheinen“ ist wohl das Motto der Herausgeber des Buches „Flucht, Vertreibung, Ansiedlung, Integration. Vertriebene erzählen ihre Schicksale“. Der von Hans Mirtes und Gerolf Fritsche gewählte Titel ist schon sehr sachlich, das gewählte Titelbild zeigt zudem auch noch den Ausschnitt eines Gedenksteins zum Thema Vertreibung, so dass das Buch in seinem Gesamtauftritt zumindest für jüngere Leser eher abschreckend wirkt. Schlägt man es allerdings auf, dann fesseln die darin dokumentierten zwölf Vertreibungsschicksale durchaus. Und dies, obwohl sie von schriftstellerischen Laien aufgezeichnet wurden und auch sehr schlicht dargestellt werden.

„Bei diesen Gelegenheiten muss es für die Arbeiterinnen zu essen gegeben haben“, berichtet Brigitte Walzer von ihrer ziellosen Flucht durch das Königsberger Gebiet im Sommer 1945. Um Essen zu bekommen, half ihre Mutter auf Höfen aus. Das war für die drei Töchter eine große Freude, denn dann war der Hunger kurzzeitig vergessen. Doch dabei entging den Mädchen, dass ihre Mutter die eigene Ration an die Kinder weitergab und Stück für Stück verhungerte. „Es ist schon merkwürdig, wie sich solche dichten Augenblicke im menschlichen Leben selbst in so früher Kindheit einprägen können“, so die 1941 Geborene. „Ich erinnere mich, wie mich meine Mutter noch einmal eindringlich angesehen hat. Es war eine Art Abschied, was mir in diesem Augenblick natürlich in dieser Tragweite nicht klar war. Den leblosen Körper meiner Mutter trugen dann andere Frauen aus dem großen Gemeinschaftsraum hinaus.“ Kurz darauf musste die kleine Brigitte auch noch den Tod der achtjährigen Schwester Edith ertragen, so dass sie mit ihrer Schwester Birgit, die nur zwei Jahre älter war als sie selbst, ins Waisenhaus kam und später in die DDR gebracht wurde. Dort kamen die Mädchen zu unterschiedlichen Adoptiveltern. Zwar fand der Vater 1951 seine Töchter, doch konnte der Kriegsversehrte nicht für sie sorgen. Und als wäre all das nicht schon grauenhaft genug für ein Leben gewesen, starb 1980 Brigitte Walzers Sohn, als er seinen Wehrdienst bei der Volksarmee absolvierte. Danach starb ihr Mann an Lymphdrüsenkrebs und sie selbst kurz nach der Fertigstellung des Berichtes 2010 an Dünndarmkrebs.

Manchmal hat das Schicksal aber auch Erbarmen. So schützte es die 1926 in der Ukraine geborene Nadeschda Gilmanova, die heute in Königsberg lebt, vor der Vergewaltigung eines sowjetischen Soldaten. Und Edith Schütze aus Danzig kam mit ihrer Mutter und Geschwistern rechtzeitig aus der von der Roten Armee angegriffenen Stadt heraus und überlebte auch die Flüchtlingslager in Dänemark, was ihrem Bericht zufolge keineswegs einer guten Versorgungslage zu verdanken war. Eingesperrt ins Lager litt die 1933 Geborene zudem unter den Haftbedingungen.

Kein Glück hatte die Mutter von Gerhard Voigt. „An einem der folgenden Tage (15. Juli 1945) waren wir im Wald, Mutter aber mit dem vierjährigen Wilhelm im Haus, um etwas zu kochen oder zu garen. Trotz aller Vorsicht muss sie die Russen, die sich hereinschlichen, nicht bemerkt haben. Sie fielen wieder über sie her. Dabei muss sie sich gewehrt haben. Jedenfalls stachen sie auf sie ein. Später zählten wir neun Stiche, davon drei am Kopf.“ Zwar konnte Frieda Voigt noch lebend von ihrer Familie ins Krankenhaus gebracht werden, doch das eine hatte nicht die Möglichkeiten für eine Operation und das andere, von Polen geführte Hospital in Bad Polzin in Westpommern verweigerte die Aufnahme, weil sie Deutsche war. Und so verblutete sie innerlich vor den Augen ihrer hilflosen Söhne. Die 1938 in Brünn geborene Maria Schreiberova hatte hingegen das Glück, dass sie beim Brünner Todesmarsch zwar von ihrer Mutter getrennt wurde, diese aber 1948 zu ihr zurückkehrte. Und Oswald Wöhl konnte sich 1946 darüber freuen, dass er wenigstens an der Hand seiner Mutter aus dem zur Tschechoslowakei gehörenden Neustadt an der Tafelfichte vertrieben – oder wie es auf DDR-Deutsch so schön euphemistisch hieß: „umgesiedelt“ – wurde. Doch eine derartige Freude ist immer relativ angesichts der menschenverachtenden Umstände, die in der Kriegs- und Nachkriegszeit herrschten.

Unter dokumentarischen Gesichtspunkten ist das von Hans Mirtes und Gerolf Fritsche herausgegebene Buch, also als sehr wertvoll zu betrachten. R. Bellano

Hans Mirtes, Gerolf Fritsche (Hrsg.): „Flucht, Vertreibung, Ansiedlung, Integration. Vertriebene erzählen ihre Schicksale“, Heimatkreis Mies-Pilsen, Dinkelsbühl 2012, gebunden, 337 Seiten, 17 Euro


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