21.01.2022

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02.02.13 / Ich gehe auf der See / Als in Cranz die Ostsee zugefroren war

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 05-13 vom 02. Februar 2013

Ich gehe auf der See
Als in Cranz die Ostsee zugefroren war

Ich gehe auf der See, zum ersten Mal in meinem Leben, obgleich mein Haar schon weiß ist und ich hier im Samland zu Hause bin. Es kommt ein Lebensgefühl, ein Mut zum Abenteuer, ja, ein Rausch über mich. – Wenn mein Hund zum ersten Mal im Jahr die Schneedecke über das Land gebreitet sieht, stürzt er sich wie ein Besessener hinein und jagt in großen Kreisen durch die weiße Pracht, dass sie hoch aufstiemt. Heute kann ich ihm nachempfinden, aber ich kann nicht auf und davon jagen durch die weiße Weite, sondern ich wandere, ohne mich umzusehen, in die See hinein, in unsere Ostsee. Der Himmel um mich wird wie eine Glocke, die mit ihren Rändern auf dem Horizont steht, und die Kälte klingt wie Geläut in den Ohren. Auf dem weißen Schneeteppich schreitet es sich gut voran, nur hier und da unterbrechen aufgerichtete Schollen die Fläche. Ihre Spitzen springen unter dem Faustschlag ab und rutschen springend über das Eis. Unentwegt setze ich einen Schritt vor den anderen, so, als ob es ewig so weitergehen sollte. „Du Mensch, geh aus dir heraus, so dass du nie wieder zu dir zurückkommst, und gehe so tief in Gott hinein, dass du nie wieder herauskommst“, sagt Meister Ekkehard. Ich gehe und gehe und vor mir ist nichts als weiße Weite – ich will doch aber die offene See sehen! Eine Stunde ist vorüber, da erscheint am Horizont eine dunkle graugrüne Rinne. Soll ich jetzt umkehren? Hinter mir liegt wie ein schmaler Strich das Land.

Dreiviertel meines Blickfeldes bildet das gefrorene Wasser, und dort weit vorne ist die offene See. Ich muss noch näher heran. Es scheint doch, als ob Eisschollen dort schwimmen, auf denen schwere schneeweiße Eisbären ruhen. Also vorwärts, weiter in die See hinein. Da erscheint im Eis, wie mit einem scharfen Stift gezogen, ein Strich, weit nach beiden Seiten auslaufend und frei vom Schnee. Jenseits dieses Striches hat der Schnee eine andere Bildung: Wie ein Moosgeflecht in den zartesten Formen wächst er aus der Fläche und steht mit federfeinen Spitzen hoch aufgerichtet. Das Eis darunter hat eine gelbliche Farbe, es geht so etwas wie eine Warnung von dieser Veränderung aus. Doch der Mutwille packt mich, und ich mache noch ein paar Schritte über die Grenze. Da ist es, als ob mir etwas Einhalt gebietet: Hier gehört nichts Spielerisches her! Weißt du überhaupt, wo du bist? Ich trete über die Grenze zurück und weiß, ich bin tief genug hineingegangen in die See.

Die gelbe Wintersonne, die ich bisher nicht beachtet hatte, senkt sich vor meinen Augen und macht mir mit ihrem milden Schein, der immer wärmer wird und sanft ins Rötliche übergeht, die Rückkehr zur festen Erde leichter. Nach einer halben Stunde finde ich sogar die eigenen Fußstapfen wieder und gehe still dem Land zu, während die Sonne wie ein roter Ball in den Abgrund des Abends rollt. Eine alte Frau erhebt die Hand, als ich wieder festen Boden unter den Füßen habe, und sagt: „So tückisch wie im Sommer ist sie auch im Winter. Seit gestern erst stehen die Schollen, und wer weiß, wann sie wieder gegangen sein werden.“ Und wirklich, als die Strandbewohner von Cranz vier Tage später am Morgen aus den Fenstern sahen, war in aller Stille bei Nacht das ganze Eisfeld fortgezogen und die Schollen standen in weiter Ferne zu einem weißen Gebirge getürmt in der See! Frieda Magnus-Unzer (Aus der 1940 herausgegebenen Anthologie mit Werken ostpreußischer Schriftsteller „Land der dunklen Wälder“, Pd. Verlagsgemeinschaft Ostpreußen, Königsberg (Pr). R.G.


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