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09.02.13 / Abstimmung mit den Füßen / Immer mehr Russen kehren ihrem Land den Rücken − Der Westen lockt mit Stabilität und Sicherheit

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 06-13 vom 09. Februar 2013

Abstimmung mit den Füßen
Immer mehr Russen kehren ihrem Land den Rücken − Der Westen lockt mit Stabilität und Sicherheit

Offiziell sollen jährlich zwei Millionen russische Staatsbürger ins Ausland abwandern. Eine Zahl, die vor dem Hintergrund des seit Jahren anhaltenden demografischen Problems die russische Gesellschaft aufrüttelt.

Die Äußerung Wladimir Wassiljews, Chef der Regierungspartei „Einiges Russland“ (ER) und Duma-Abgeordneter, dass jährlich bis zu zwei Millionen Russen ihr Land verlassen, um im westlichen Ausland ihr Glück zu suchen, verbreitete sich wie ein Lauffeuer in den Medien. Als Hauptgrund für die Abwanderung nannte Wassiljew die mangelnde Stabilität in Russland und die Angst vor einer Revolution.

Dass die Menschen Zukunfts-ängste haben, lässt sich nicht von der Hand weisen: Seit Wladimir Putins Rückkehr ins Präsidentenamt hat sich viel verändert. Die Hoffnung, dass die von Dmitrij Medwedjew angeschobenen Reformen − in den Bereichen Justiz, Militär und Wahl statt Einsetzung der Gouverneure durch den Präsidenten − zu mehr Liberalisierung und Demokratisierung des Landes führen würden, wurde enttäuscht. Inzwischen sind alle Lockerungen zurückgenommen. Die „Silowiki“ (Geheimdienstler und Militärs) sind an die Schalthebel der Macht zurückgekehrt, Medwedjew steht in den Medien unter Beschuss.

Die Zügel werden enger gezurrt. Wer beispielsweise, wie die jungen Oppositionellen, von seinem Demonstrationsrecht Gebrauch macht, muss mit Verhaftung, Verhören und drastischen Strafen rechnen. Durch das neue Meldegesetz für ausländische Nichtregierungsorganisationen, die als „Agenten“ gelten, birgt jeder Kontakt zu Ausländern eine potenzielle Gefahr für Russen. Die Verfolgung durch die Behörden trifft Demonstranten ebenso wie prominente Politiker. Oppositionsführer Alexej Nawalnyj soll der Prozess gemacht werden, weil er neben anderen Vergehen dem staatlichen Holzbetrieb Kirowles in der 900 Kilometer von Moskau entfernten Provinzstadt Kirow  als Berater einen Schaden in Höhe von 25000 Euro zugefügt haben soll. Dazu führt das strikte Vorgehen gegen Homosexuelle durch das Verbot der „Homosexuellen-Propaganda“ dazu, dass die Menschen immer mehr das Gefühl haben, in einem autoritären Staat zu leben.

Die veränderte Situation in Russland bleibt nicht ohne Folgen. Vor allem junge und gebildete Russen zwischen 18 und 24 Jahren gaben bei Umfragen an, auswandern zu wollen. Sie glauben, keinen Einfluss auf die Politik zu haben und somit keine Änderungen herbeiführen zu können. Obwohl Russland über immense Ressourcen verfügt, liegt die Landwirtschaft brach. In Großstädten wie Moskau wird nichts produziert. Hier dreht sich alles um „Business“ und „Lobbyismus“. Ohne Korruption läuft in Russland gar nichts. Das ist dem ausländischen Investor genauso bekannt wie dem Direktor eines kleinen Staatsbetriebs. Ob ein Handwerksauftrag vergeben werden muss oder sonstige Dienstleistungen – stets sind bürokratische Hürden zu überwinden und Schmiergelder zu zahlen. Die Menschen fühlen sich diesem System gegenüber schutzlos und erwarten auch keine positiven Veränderungen. Ihnen bleibt nur die „Abstimmung mit den Füßen“, sprich, das Land zu verlassen.

Sie sind nicht mehr bereit, noch länger auf Veränderungen zu warten. Insgesamt würden 20 Prozent der Russen ihren ständigen Wohnsitz am liebsten ins Ausland verlegen. Unter den Auswanderern befinden sich viele mit Hochschulausbildung. Reiche Russen haben sich in der Regel in mehreren europäischen Ländern etabliert. Besonders beliebt sind London, Liechtenstein und die Schweiz. Hier haben russische Unternehmer nicht selten Immobilien erworben oder auch Niederlassungen gegründet, damit ihre Kinder dort nach ihrem Studium eine Beschäftigung haben.

Doch auch einfache Leute suchen vermehrt den Weg ins Ausland, wohl wissend, dass sie dort nicht unbedingt paradiesiche Zustände erwarten. Sie verlassen Russland, um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Der Westen lockt mit Stabilität, Sicherheit und dem Schutz des Eigentums.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der auswanderungswilligen Russen vervierfacht. Eine besorgniserregende Entwicklung vor dem Hintergrund des seit  Jahren anhaltenden demografischen Problems. Programme der Regierung, wie Putins „Repatriierungsprogramm“, das im Ausland lebende Russen die Rückkehr erleichtern sollte, blieben erfolglos. Als Grund sehen Experten gescheiterte Reformen an. 

Beliebt ist bei russischen Auswanderern die deutsche Hauptstadt. Zum einen ist Berlin von der Heimat nicht so weit entfernt, zum anderen gibt es hier russische Parallelinfrastrukturen. In Marzahn, Charlottenburg  und Lichtenberg gibt es russische Kaufhäuser, Apotheken, Ärzte, Bibliotheken und Kultureinrichtungen. Neue Auswanderer müssen sich hier nicht mühsam integrieren. Schon einmal war Berlin von Russen bevölkert worden. In Folge der Revolution lebten in den 20er Jahren etwa 360000 russische Emigranten im Raum Berlin.

ER-Chef Wassiljew fürchtet eine neue Auswanderungswelle, die sich katastrophal auf das Land auswirken würde, wenn Russland wieder, wie bei der Emigrationswelle in den 70er und 80er Jahren die Intelligenz und Fachkräfte verlöre. Eine Tendenz dorthin zeichnet sich gerade ab. Manuela Rosenthal-Kappi


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