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09.02.13 / Noch immer steht »Heilsberg« auf dem alten Radio / Erinnerungen an den ostpreußischen Großrundfunksender

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 06-13 vom 09. Februar 2013

Noch immer steht »Heilsberg« auf dem alten Radio
Erinnerungen an den ostpreußischen Großrundfunksender

Man kann es kaum glauben, wenn man das Foto sieht, das uns Herr Axel Tholen übersandte: Er scheint noch zu existieren, der Sender Heilsberg, denn er ist auf der Stationsskala des Rundfunkgerätes verzeichnet, das sich in seinem Besitz befindet. Nun hat allerdings der Großrundfunksender Heilsberg bereits Ende Januar 1945 seinen Betrieb eingestellt, und bei dem Gerät handelt es sich um ein 340-Watt-Röhrenradio von Telefunken, das 1931 hergestellt wurde. „Aber es spielt wie am ersten Tag“, lobt Herr Tholen seinen „Katzenkopf“, wie das Röhrenradio in Sammlerkreisen genannt wird. Zwar übermittelt er uns dafür keinen akustischen Beweis, aber einen optischen mit dem Foto, das er extra für unsere Zeitung aufgenommen hat.

Das weckt Erinnerungen. Sicherlich nicht nur bei mir als ehemaliger Mitarbeiterin des Reichssenders Königsberg, sondern bei vielen Leserinnen und Lesern, für die in ihrer Kindheit oder frühen Jugend der Rundfunk das Medium war, das selbst die in einsamen Dörfern oder Höfen Lebenden mit der großen, weiten Welt verband. Immer wieder werde ich auf die „Kunterbunten Kinderstunden“ angesprochen, die beliebteste Kindersendung im Programm des Reichssenders Königsberg. Als wir im März 2001 das Seminar „Reichssender Königsberg“ im Ostheim in Bad Pyrmont veranstalteten, konnte ich noch den damaligen Leiter des Jugendfunks, Hans-Joachim Paris, und Irene Recklies-Herr, die diese Sendung maßgeblich gestaltet hat, begrüßen. Sie schrieb auch das Erkennungslied: „Kunterbunte Kinderstunde, wie der Dienstag sie stets bringt, und schon tönt’s von Mund zu Munde: Kommt ihr Kinder, lacht und singt.“

Aber nun zum Sender Heilsberg, den der „Katzenkopf“ von Herrn Tholen noch immer anzeigt. Der Bau war notwendig geworden, als die Versorgung der Rundfunkhörer in Ostpreußen durch den Königsberger Sender – dessen Tätigkeit im Juni 1924 begonnen hatte und der mit Hilfe der Stadt Königsberg auch die finanziellen Klippen umschifft hatte – unbefriedigend blieb. Nicht nur, dass sich die Ausgangsleistung mit 1,5 Kilowatt als zu gering erwies, auch die geografische Randlange von Königsberg spielte für die Mittelwellenversorgung des gesamten Sendegebietes eine Rolle. So wurde für den geplanten Großrundfunksender die zentral gelegene Stadt Heilsberg ausgewählt. Damit lag der Standort auch innerhalb des „Heilsberger Dreiecks“, das nach dem Versailler Vertrag der einzige militärisch stärker befestigte Raum innerhalb der Provinz Ostpreußens sein durfte.

Im Jahr 1930 begann man auf einem etwa zwei Kilometer von der Stadt entfernten Gelände an der Landsberger Chaussee mit dem Bau der Anlage. Es entstand ein großflächiger Gebäudekomplex, der abseits der Antennenanlage lag. Im Hauptgebäude befanden sich Senderaum und Maschinenraum sowie weitere Nebenräume. Die Büros waren in einem Seitentrakt untergebracht, der auch Dienstwohnungen für die dort Beschäftigten erhielt. Auch ein Kühlturm gehörte zu diesem Gebäudekomplex, der weit überragt wurde von den beiden 102 Meter hohen Antennentürmen. Sie standen im Abstand von 200 Metern voneinander und waren mit einem Seil verbunden, an dem senkrecht die Antenne hing. Installiert wurde ein achtstufiger Lorenz-Sender mit 60 Kilowatt Leistung (276 Meter), dessen Anfangsstufe erstmalig quarzgesteuert war. Die Endstufe war mit 18+2 Röhren RS 255 in Parallel- und Gegentaktschaltung bestückt. Am 15. Dezember 1930 wurde der Großrundfunksender in Betrieb genommen. In Heilsberg gab es keine Aufnahmestudios, die Sendungen wurden nach wie vor im Königsberger Funkhaus produziert, zum Heilsberger Sender übertragen und von dort ausgestrahlt. Die Stadt hatte mit der weithin sichtbaren Anlage ein neues Wahrzeichen bekommen. Die beiden Antennentürme aus Kiefernholz waren auf einem Betonsockel errichtet. Allerdings nicht aus ostpreußischem, obgleich es ja in unserer Heimat nicht gerade an Kiefern mangelte, sondern aus dem Holz der amerikanischen Pechkiefer.

Wenn nun ältere Heilsberger monieren, dass sie sich nur an einen – dazu noch viel höheren Turm – erinnern, so haben sie Recht. Denn weitere Verbesserungen der Sendeanlage erwiesen sich bald als notwendig. Der Sender wurde zu 100 Kilowatt Senderausgang umgebaut, gleichzeitig erfolgte eine Veränderung der Antennenanlage. Einer der beiden Türme wurde abgebaut, der verbleibende wurde mit einem schwundmindernden, spannungsgespeicherten Höhendipol ausgerüstet. Während des sechsmonatigen Umbaus kam ein fahrbarer Ersatzsender zum Einsatz, dann konnte die Inbetriebnahme am 28. August 1935 erfolgen. Und wie war das mit der Turmhöhe? Fünf Jahre später wurde der hölzerne Turm durch einen 151 Meter hohen Rundstahl-Gittermast ersetzt. Dann kam das Ende für den Großrundfunksender am 31. Januar 1945, als die deutsche Wehrmacht die gesamte Anlage sprengte. Das alles – und in den Erinnerungen mancher Landsleute sicher noch viel mehr – bewirkt der Name „Heilsberg“ auf dem alten Radiogerät unseres Lesers Axel Tholen, dem wir für das Foto sehr herzlich danken.            R.G.


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