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09.02.13 / »Nee, wat is das schön« / Von rheinischen Karnevals-Jecken und Karnevals-Flüchtlingen, die in Möbelläden Asyl finden

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 06-13 vom 09. Februar 2013

»Nee, wat is das schön«
Von rheinischen Karnevals-Jecken und Karnevals-Flüchtlingen, die in Möbelläden Asyl finden

Bis Aschermittwoch herrscht in Köln und im Rheinland die „Fünfte Jahreszeit“. Alle feiern Karneval. Na gut, fast alle, denn Ausnahmen bestätigen die Regel.

Der Laden ist gerammelt voll. Mitten in der Woche, an einem Donnerstag Ende Januar. Hunderte von Menschen drängen sich durch die Gänge, greifen in den prall gefüllten Regalen nach Hüten, Mützen, Perücken und Masken, schnappen sich aus den Warenständern Jacken, Hosen, Röcke oder komplette Kostüme und verschwinden in eine der 100 Umkleidekabinen. Von dort heraus kommen Flug- und Schiffskapitäne, Piraten, Indianer, Cowboys oder auch Mönche, Nonnen, Tempeltänzerinnen und Tiergestalten jeder Art. Immer beliebt: Bären-, Katzen- und Hasenverkleidungen und in diesem Jahr, so scheint es, auch Giraffen.

Wir sind hier im „größten Karnevalskaufhaus der Welt“ – so lautet jedenfalls die Eigenwerbung des Unternehmens – in Frechen, einer Stadt rund 15 Kilometer südwestlich vom Kölner Dom gelegen.

Der Karnevalsausstatter bietet in der 5000 Quadratmeter großen Verkaufshalle rund 17000 Artikel an, die von aktiven Närrinnen und Narren gebraucht werden. Neben den Kostümen sind das vor allem Zubehörteile wie Brillen, Bärte, Ohrringe, Schminke, (Papp-)Nasen, Konfetti, Luftschlangen oder auch „Wurfmaterial“ – zum Beispiel  „Kamelle“ (Bonbons und andere Süßwaren) oder „Strüssje“ (kleine Blumensträußchen) – für die Teilnehmer der zahlreichen Karnevalsumzüge in Köln und im Umland.

Der Rosenmontagszug in Köln ist das bekannteste und mit rund einer Million Besuchern wohl auch das größte Karnevalsereignis in Deutschland. Allein in der Domstadt mit ihren über 80 Stadtteilen laufen von Weiberfastnacht (7. Februar) bis Karnevalsdienstag (12. Februar) über 50 Umzüge durch die Straßen. Will heißen: Fast jeder Stadtteil hat „seinen“ eigenen Umzug. Und was den Kölnern recht ist, das ist den Nachbarn natürlich billig. Auch die umliegenden Städte und Gemeinden wie Leverkusen, Bergisch Gladbach, Dormagen oder Bonn pflegen den Straßenkarneval mit eigenen Umzügen.

In der Kreisstadt Bergheim, 20 Kilometer westlich von Köln, findet der „Rosenmontagszug“ schon Sonntag statt. Für Judith Schmitz und Martina Bernhardt von der Bürgerfunkgruppe „Welle Rhein-Erft“ ist das ein besonderer Tag. Die beiden Frauen haben ihren Verein, eine Truppe mit einem Dutzend engagierter Radiomacher, als Zugteilnehmer angemeldet. Rund 15 Leute wollen als Fußgruppe mitziehen. Martina Bernhardt, die Leiterin der Re­dak­tionsgruppe, sieht darin auch „ein Stück Öffentlichkeitsarbeit“, um die Gruppe, die monatlich auf dem Lokalsender „Radio Erft“ sendet, bekannter zu machen.

Lange im Voraus musste die Teilnahme am Karnevalszug angemeldet werden: Wie viele Personen machen mit? Gibt es Fahrzeuge? Wie viel Quadratmeter Stellfläche benötigt die Gruppe bei der Aufstellung am Sonntagmorgen? Für Martina und Judith ist der Januar für die Vorbereitungen ausgebucht. Neben der organisatorischen Arbeit, das heißt Termine absprechen, Treffen vorbereiten und, und, und …, muss über die Kostümierung nachgedacht werden. Die Gruppe soll als Einheit wahrgenommen werden, alle Mitmarschierenden sollen das gleiche Kostüm tragen. Judith Schmitz: „Unsere Idee war, als wandelnde Aufnahme-Rekorder durch die Straßen zu ziehen.“ Gesagt, getan. 20 gelbe Mülltüten werden mit einer Folie beklebt, auf der die in der Radiowerkstatt genutzten digitalen Aufnahmegeräte mannsgroß abgebildet sind. Martina Bernhardt: „Außerdem haben wir zwei Bollerwagen als Bagagewagen angemeldet.“

Darin werden Lautsprecherboxen für die „Beschallung“ mit Karnevalsmusik und dazu das Wurfmaterial transportiert. Neben den üblichen „Kamelle und Strüssje“, die vom Organisationskomitee des Umzugs gegen einen Pauschalbetrag zur Verfügung gestellt werden, wollen die Bürgerfunker 300 selbstgebrannte CDs mit eigenen Rundfunkbeiträgen unters Volk bringen. Ein zeitaufwendiges Unterfangen, das die beiden Frauen, unterstützt von Freunden und Angehörigen, neben ihrer Berufstätigkeit erledigen. Einfach so, aus Spaß und Freude.

Für die „offiziellen“ Kölner Karnevalisten, allen voran das Dreigestirn (Prinz, Bauer und Jungfrau) ist der Karneval, der vom 11.11. des Vorjahres bis zum Aschermittwoch in diesem Jahr dauert, ein Vollzeit-Job. Rund 500 Veranstaltungen laden zum Mitfeiern ein: Prunksitzung, „Mädchen“-Sitzung, Herrensitzung (auch noch mit den inzwischen berühmt-berüchtigten Herrenwitzen), Kindersitzung, „Stunksitzung“ („alternative“, inzwischen etablierte Prunksitzung) – für jeden Geschmack ist etwas dabei.

112 Gesellschaften sind Mitglied im „Festkomitee Kölner Karneval von 1823“. Der Rosenmontagszug „ist ausschließlich den Mitgliedern der Karnevalsgesellschaften vorbehalten, die dem Festkomitee angeschlossen sind. Die dürfen allerdings Gäste einladen und im Zug mitnehmen. Rund 50 Gruppen werden mit einem geschmückten Wagen am Rosenmontag durch die Kölner Innenstadt mitmarschieren.

Der Wagenbau findet unter strengster Geheimhaltung in großen Hallen statt. „Vor Rosenmontag bekommt die Wagen niemand zu sehen“, heißt es lapidar auf eine Anfrage nach einem Fototermin.

Nach Ende der Karnevalssession werden dann aber vom Kölner Karnevalsmuseum Führungen angeboten, die hinter die Kulissen des Wagenbaus blicken und die Themen der Wagen erläutern.

Eine Million Menschen feiern am Kölner Rosenmontagszug mit. Die Zahl entspricht in etwa der Einwohnerzahl Kölns. Doch nicht alle Kölner sind Karnevals-„Jecken“, die das Treiben in der Stadt begeistert mitmachen. Nicht wenige nutzen den Rosenmontag, der nach einem ungeschriebenen Gesetz in Köln ein arbeitsfreier Feiertag ist, um dem Trubel zu entfliehen. Das war vor 20 Jahren gar nicht so einfach. Man musste schon nach Holland oder Belgien fahren, um „karnevalsfreie Zonen“ zu entdecken.

In den 1990-er Jahren wagte ein schwedisches Möbelhaus dann den Tabubruch und öffnete seine Pforten am Rosenmontag. Erst den halben Tag mit freiwillig arbeitenden Mitarbeitern. Später wurde daraus ein ganz „normaler“ Arbeitstag mit mehr oder weniger Freiwilligen. Die weniger Freiwilligen wurden daran erinnert, dass der Rosenmontag in Deutschland kein gesetzlicher Feiertag ist. Ein Frevel, eine Schandtat für eingefleischte Kölner Karnevalisten.

Doch für den Möbelladen muss der zusätzlich eingerichtete Verkaufstag ein voller Erfolg gewesen sein. Die Ausstellungs- und Verkaufsräume, die Parkplätze, das Restaurant – alles proppenvoll mit Menschen, die mit dem Karneval „nichts am Hut“ haben.

Mittlerweile haben auch einige andere große Waren- und Möbelhäuser nachgezogen und bieten den Kölner Karnevalsflüchtlingen Asyl am Rosenmontag. Ja, es gibt sie, die Karnevalsmuffel. Doch keiner kennt ihre genaue Zahl. In Köln sind sie wohl noch in der Minderheit.     Siegfried Schmidtke  


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