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16.02.13 / Thron-Jubiläum ohne offizielle Feier / Vor 400 Jahren trat Michail I. als russischer Zar an − Romanow-Dynastie als Symbol für Einheit und Stabilität

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-13 vom 16. Februar 2013

Thron-Jubiläum ohne offizielle Feier
Vor 400 Jahren trat Michail I. als russischer Zar an − Romanow-Dynastie als Symbol für Einheit und Stabilität

Am 17. Februar jährt sich die Wahl Michails I. zum ersten Zaren aus der Dynastie der Romanows zum 400. Mal. Vielerorts sind diesem historischen Ereignis Ausstellungen, wissenschaftliche Vorträge und Veranstaltungen gewidmet. Die erwartete offizielle Feier wird jedoch ausfallen.

Auf den Vorschlag, in einem der Säle der Eremitage, der letzten Residenz der russischen Zaren, einen Gedenkgottesdienst zu Ehren der Romanow-Dynastie anlässlich des 400. Jahrestages der Wahl des ersten Romanow zum Zaren abzuhalten, erhielt Vitalij Milonow, Abgeordneter der Gesetzgebenden Versammlung, eine Absage von Eremitage-Direktor Michail Piotrowskij. Dessen Begründung lautete, ein Gedenkgottesdienst sei unpassend für das Museum. Ein solcher Gottesdienst könne nachgeholt werden, wenn die Restaurierung der Großen Kirche des Winterpalastes abgeschlossen sei.

Das Museum zur Politischen Geschichte Russlands in St. Petersburg hat eine Ausstellung „Um den Thron“ eröffnet. Sie ist dem Beginn der Romanow-Dynastie vor 400 Jahren gewidmet. Das Museum, das ursprünglich nur über Dokumente der sowjetischen Geschichte verfügte, hat seine Sammlung erweitert, gibt einen Überblick über verschiedene Epochen der russischen Geschichte und regt die Besucher zum offenen Gedankenaustausch an. Ähnliche Ausstellungen und Feiern anlässlich des 400. Zarenjubiläums finden nur auf lokaler Ebene in St. Petersburg, Kostroma, Wolgograd und Nischnij Nowgorod statt.

Die Absage des Eremitage-Direktors spiegelt offenbar die Haltung der Regierung wider. Zu Großveranstaltungen wird es nicht kommen, denn im Dezember vergangenen Jahres sagte Präsident Wladimir Putin auf einer Pressekonferenz, dass zum 400. Jahrestag des Machtantritts der Romanows keine offiziellen Feierlichkeiten geplant seien. Darüber hinaus wurden Initiativen der gemeinnützigen Romanow-Stiftung sowie aus Kreisen der Wissenschaft und der Kirche blockiert. Das ist eine umso überraschendere Entwicklung als das Jahr 2012, als sich der Sieg Russlands über Napoleon zum 200. Mal jährte, ganz groß und offiziell als „Jahr der Geschichte“ gefeiert wurde.

Ein Grund für Putins diesmalige Absage an Feierlichkeiten zum Ruhme des russischen Imperiums mag sein, dass Vergleiche zwischen ihm und den Romanow-Zaren veröffentlicht wurden. Kulturminister Wladimir Medinskij sagte, Putin sei nach Zar Nikolaus II. der erste wirkliche Herrscher Russlands, vielleicht sogar der erste rechtmäßig gewählte der russischen Geschichte überhaupt. Auch Vergleiche zwischen Putin und Michail I. wurden geäußert.

Die Dynastie der Zarenfamilie Romanow beendete eine Zeit der Krise, in Russland smuta (Wirren) genannt. Sie war von Bürgerkrieg, Hungersnöten und dem bis dahin größten Volksaufstand geprägt, der infolge des Aussterbens der bis dahin herrschenden Dynastie der Rurikiden ausgebrochen war. Iwan der Schreckliche und dessen Sohn Fjodor hatten ein schweres Erbe hinterlassen. Bojarensippen regierten mehr gegen- als miteinander, Polen und Schweden nutzten das entstandene Machtvakuum für eigene Interessen. Gleich zwei Betrüger gaben sich als den ermordeten Zarensohn Dmitrij aus. Einer von ihnen wurde, unterstützt von polnischen Truppen, zum Zaren ausgerufen. Er ging als „Falscher Dmitrij“ in die Geschichte ein und rehabilitierte die zuvor von Zar Boris Godunow verbannte Familie Romanow. Weil Zar Iwan der Schreckliche in erster Ehe mit einer Tochter aus dem Hause Romanow verheiratet war, glaubte man, mit der Wahl Michails die Rurikiden-Dynastie fortsetzen zu können. Eine aus Vertretern unterschiedlicher sozialer und re­gio­naler Grup­pen zusammen­ge­setz­te Stän­de­ver­samm­lung wählte den erst 16 Jahre alten Michail Fjodorowitsch mit Unterstützung der orthodoxen Kirche am 17. Februar 1613 zum Zaren. In seiner 32 Jahre anhaltenden Regierungsdauer gelang es Michail, Russland zu stabilisieren.

Die mit Michails Wahl beginnende über 300-jährige Romanow-Dynastie wird gerne als Symbol für die Einheit zwischen Volk und Herrscher sowie für den Beginn des Aufstiegs Russlands zur Großmacht gesehen. Ende des 17. Jahrhunderts begann das Imperium unter dem wohl bedeutendsten Reformer Peter dem Großen zu wachsen. Das Territorium des russischen Reichs dehnte sich an der Wolga gen Süden, im Osten Richtung Sibirien und nach Norden an die Ostsee aus.

An der Bewertung der Rolle der Romanow-Dynastie in der russischen Geschichte scheiden sich bis heute die Geister. Russische Wissenschaftler halten die Überlieferung von der „Einheit bei der Wahl Michails“ für einen Mythos. In Kirchendokumenten fanden sie Beweise, dass lediglich 200 von 700 bis 1500 an der Wahl Beteiligten für ihn gestimmt hatten. Sie glauben, dass einflussreiche Klans Michails Wahl manipuliert haben, weil sie ihn für einen für ihre Absichten bequemen Herrscher hielten.

Zwischen den Ereignissen damals und der Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion zeigen sich Parallelen. In der ersten  Hälfte der 1990er Jahre war das Land in eine tiefe politische Krise gestürzt, begleitet von Lebensmittelknappheit. Das Sozialsystem kollabierte, eine Zeit des „wilden Kaptalismus“ begann. Als Retter in der Not erschien Putin. Nachdem er 2000 zum Präsidenten gewählt worden war, gelang es ihm, mit Härte die Zeit der „Wirren“ zu beenden, das Land politisch zu stabilisieren und die Wirtschaft zu konsolidieren. Putins Wahl geschah − wie 1613 die Wahl Michail Fjodorowitschs − mit Unterstützung der Kirche und einflussreicher Geschäftsleute.

Obwohl bereits im Jahr 2000 der 1918 mit seiner Familie von den Bolschewisten ermordete Romanow-Zar Nikolaus II. posthum heiliggesprochen worden ist, soll der Wahl des ersten Romanows nur im kleinen Rahmen gedacht werden. Offenbar will Putin Vergleichen seiner Herrschaft mit der der Zaren-Dynastie keinen neuen Nährboden geben. Manuela Rosenthal-Kappi


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