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16.02.13 / Nun der Reichstagsbrand / »Nacht über Berlin«: Ein weiterer TV-Mix aus Fiktion und Historie

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-13 vom 16. Februar 2013

Nun der Reichstagsbrand
»Nacht über Berlin«: Ein weiterer TV-Mix aus Fiktion und Historie

Mit Geschichten Geschichte vermitteln – das ist ein Stilmittel, dessen sich die TV-Filmer immer häufiger bedienen. Fiktives menschliches Schick­sal wird vor dem Hintergrund tatsächlichen historischen Geschehens erzählt. Jüngstes Beispiel dafür ist der Fernsehfilm „Nacht über Berlin“, den das Erste Programm kommenden Mittwoch um 20.15 Uhr zeigt. Es ist eine fiktive Liebesgeschichte, die zwischen Sommer 1932 und der Nacht des Reichstagbrandes im politisch aufgeheizten Berlin spielt. Schon die ersten Szenen zeigen die schizophrene Situation jener Tage: Swingende Paare auf dem Parkett des mondänen „Ballhauses“, Nadelstreifen und Kleines Schwarzes, dazwischen das Braun der SA-Männer, die wenig später in Straßenkämpfen die Gummiknüppel schwingen – Endzeitstimmung der Weimarer Republik.

Friedemann Fromm, der sich mit TV-Erfolgen wie „Die Wölfe“ oder „Weißensee“ für Filme mit zeitgeschichtlichem Hintergrund empfahl, inszenierte akribisch und aufwändig das Geschehen. Im Mittelpunkt steht die tragische Liebesgeschichte von Henny Dallgow und Albert Goldmann, ein Paar von unterschiedlicher gesellschaftlicher Herkunft und politischer Gesinnung. Sie ist eine Tochter aus gutbürgerlichem Haus, aber als Chansonsängerin sehr selbstbewusst und Neuem aufgeschlossen. So erscheint sie überall auf einem knatternden Motorrad. Er hingegen ist ein jüdischer Arzt, der uneigennützig den Arbeitern im Wedding hilft und demokratiegläubig für die SPD im Reichstag sitzt. Anna Loos und Jan Josef Liefers, beide auch im wirklichen Leben ein Paar, sind die herausragenden Figuren des Spiels. Neben ihnen liefert Jürgen Tarrach in der Reihe der übrigen Darsteller ein Kabinettstückchen als Entertainer und gläubiger Jude, der sein „Ballhaus“ an seine Chansonsängerin Hedy übergibt, als er aus Berlin fliehen muss.

Die Auftragsarbeit der ARD wurde von der Ufa-Filmproduktion größtenteils auf dem Studiogelände in Potsdam-Babelsberg gedreht, wo die vorhandene Kulisse „Berliner Straße“ sich wechselnd in das Arbeiterviertel Wedding oder in ein vornehmes Viertel verwandelte. Im Kölner Studio wurden Teile des Reichstagsplenarsaals nachgebaut. Und in Leipzig diente das Neue Rathaus als Reichstag-Inneres. Die „Ballhaus“-Szenen wurden im Zwickauer Tanzpalast „Neue Welt“ stilgerecht nachgestellt.

Showdown des trotz brutaler Schlägerszenen anrührenden Filmes ist der Brand des Reichstagsgebäudes. Berliner Feuerwehrleute versuchen vergeblich mit unzureichendem Löschgerät, der Flammen Herr zu werden. Offen lässt der Film die bis heute umstrittene Frage, wer den Brand gelegt hat. Es geht in dem Film allein um menschliche Schicksale dieser Tage. Doch wenn auch den Nationalsozialisten in dem Streifen nicht vorgeworfen wird, den Reichstagsbrand gelegt zu haben, so doch, ihn zumindest instrumentalisiert zu haben.

So wohlgesponnen die fiktive Erzählung – das Drehbuch schrieb Rainer Berg –, so schlüssig auch der zeitgeschichtliche Ablauf – es bleibt immer die Frage: „Wie war es wirklich?“ Gut deshalb, dass die ARD auch diesem 90-Minuten-Film eine begleitende Dokumentation folgen lässt. Für „Nacht über Deutschland – Hitlers erste 100 Tage“, so der Titel, haben Kerstin Mauersberger und Jürgen Ast Fotos und Wochenschauschnipsel zusammengetragen, die vom Tag der „Machtergreifung“ über die Errichtung der ersten Konzentrationslager und den Boykott jüdischer Geschäfte bis hin zu den Bücherverbrennungen vom 10. Mai 1933 reichen, dem 100. Tag der Kanzlerschaft Adolf Hitlers.

„Mir gefiel, dass der Reichstagsbrand und seine Umstände nicht mit erhobenem Zeigefinger abgearbeitet werden, sondern wie zufällig die Kulisse für eine zum Scheitern verurteilte Liebesgeschichte bieten“, lobt Jan Josef Liefers in einem Interview, „Hier kollidieren die zwei ältesten Lieblingsbeschäftigungen der Menschheit: Lieben und Töten. Der Film zeigt es, ohne dem Zuschauer die Oberlehrer-Geschichtskeule auf den Kopf zu hauen.“ Karlheinz Mose


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