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16.02.13 / Die Kroffeln durften nicht kalt werden / Eine heitere Schulgeschichte aus dem alten Sandau

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-13 vom 16. Februar 2013

Die Kroffeln durften nicht kalt werden
Eine heitere Schulgeschichte aus dem alten Sandau

Die Faschingszeit ist kalendermäßig vorbei, sehr früh in diesem Jahr. Und deshalb kam auch diese kleine Fastnachtsgeschichte von Frau Elisabeth Erna Wallrath aus Alfeld etwas zu spät in meine Hände. Sie ist aber eine so nette Erinnerung an deren Schulzeit in dem kleinen Dorf Oschnaggern, das damals gerade in Sandau umgetauft worden war, dass wir sie ruhig als heiteren Nachtrag bringen, zumal sie auf altem, heimatlichem Brauchtum beruht, das vielen Leserinnen und Lesern noch vertraut ist. Den Anstoß zum Aufschreiben gab Frau Wallrath, geborene Brenneisen, meine Erzählung „Der Fastnachtsstorch“, die vor vier Jahren in der PAZ erschien. Auch in ihren Erinnerungen spielt dabei ein nach Ostpreußen versetzter neuer Lehrer eine Rolle. Lassen wir Frau Wallrath erzählen:

„Der neue Lehrer an unserer einklassigen Volksschule in Sandau kam aus Schlesien. Er war noch Junggeselle, als er nach den Sommerferien 1938 seine erste Lehrerstelle bei uns antrat. Da unser elterlicher Hof schräg gegenüber der Schule gelegen war, lag es wohl nahe, dass er zeitweise bei uns beköstigt wurde. Meine erste Erinnerung an ihn ist, dass er neben mir auf der Ofenbank sitzt. Vor uns auf dem Tisch liegt mein Rechenheft, und er erklärt mir, wie das schriftliche Teilen geht. Mein Vater sitzt auf dem Schneidertisch am Fenster und beobachtet uns etwas amüsiert. Sein Respekt vor dem noch jungen ,Herrn Lehrer‘ hielt sich in Grenzen, zumal er auch noch klein und schmächtig war. Der Winter 1938/39 war für unsere Familie der erste in dem dicht an der litauischen Grenze gelegenen Sandau, Kreis Ebenrode. Für meine Schwester und mich verlief der Schulweg von unserem Hof nur quer über die Straße, so dass ich kaum eine Erinnerung an Kälte und Schnee habe. Jedoch erinnere ich mich sehr gut an den Fastnachtsdienstag im Februar 1939. Wie immer will ich ganz kurz vor Beginn des Unterrichts mit meiner Schwester hinüber zur Schule. Da werden wir von einem Trupp älterer Schüler fast umgerannt: ,Schnell, wir brauchen euern Schuppen!’ Durch die aufgerissene Schuppentür fliegen Tornister – und die unsrigen gleich hinterher. ,Was ist los?‘ Wir verstehen nur das Wort ,Fastnacht‘. In der Klasse steht Gertrud, die Älteste, an der Tafel und schreibt mit ihrer schönen Handschrift und viel bunter Kreide die Verse: ,Fastnacht! Fastnacht – nur einmal im Jahr! Herr Lehrer, erlauben Sie uns, Schlitten zu fahren. Die Raben sind gekommen und haben uns die Bücher weggenommen. Fastnacht feiern Katz’ und Maus, drum fällt bei uns die Schule aus. Herr Lehrer, bitte bald, bald, sonst werden uns die Kroffel kalt.‘ Ich staune, so etwas hatte es in meiner früheren Schule in Nickelsfelde nicht gegeben. Still sitzen alle Schüler auf den Bänken, als der Lehrer die Klasse betritt. Er liest erst einmal, was auf der Tafel steht, dreht sich um, die Schüler stehen auf. ,Fastnacht! Fastnacht!‘ so schallt es ihm entgegen. Etwas ratlos steht der junge Lehrer vor dem Tumult. Das gibt es doch nicht: Fastnacht an Ostpreußens äußerster Grenze! ,Kein Unterricht! Kinder, das geht doch nicht!‘ ,Doch, Herr Lehrer, das war schon immer so bei uns!‘ ,Bei jedem Lehrer!‘ ,Wir haben doch keine Bücher mehr!‘ ,Die Raben haben sie uns weggenommen!‘ So schallt es ohne den üblichen Respekt dem Lehrer entgegen. Er schaut in die ersten Reihen: Tatsächlich, keine Tornister, keine Tafeln mit Schwämmchen und Läppchen bei den Kleinen. Ja, geht denn so etwas? Muss er jetzt seine Autorität retten? ,Kinder, dann machen wir eben Sport heute und gehen zusammen Rodeln!‘ Ehe der Lärmpegel erneut anschwellen kann, ertönt die tiefe Stimme des ältesten Schülers: ,Das geht nicht, Herr Lehrer, wir kriegen heute wirklich frei. Das ist bei uns so an Fastnacht!‘ Und Gertrud ergänzt schnell: ,Das ist Tradition, Sie können meine Eltern heute Mittag fragen.‘ Der Lehrer war gerade Kostgast in ihrer Familie. Da gibt er sich endlich geschlagen: ,Ja, wenn du das sagst, Gertrud, dann muss ich es wohl glauben. Aber morgen ist dann wieder Unterricht wie immer!‘ Jubelnd stoben wir alle aus dem Schulraum.“

Wahrscheinlich hat der Lehrer in Gertruds Elternhaus dann auch die „Kroffeln“ bekommen – das Fettgebäck, das mit den Salzburger Einwanderern nach Ostpreußen gekommen war. Frau Wallrath

backt sie wohl noch heute, wie das Foto vermuten lässt – so wie manche unserer älteren Leserinnen sicherlich auch. Man kennt sie als süßes Gebäck, aber diese Krapfen – im Salzburgischen isst man sie noch heute zu Sauerkohl – werden aus einem ziemlich festen gesalzenen Hefeteig hergestellt. Ist er aufgegangen, werden daraus Häufchen abgestochen, die nach erneutem Aufgehen zu etwa zwölf bis 15 Zentimeter großen Kränzen geformt werden, die mit einer sehr dünnen Teigschicht verbunden sind. Diese entsteht, wenn in die Mitte der Teigkugel mit dem Daumen eine Vertiefung eingedrückt wird. In Schweineschmalz gebacken sind sie lange haltbar, wie sich Elisabeth Erna Wallrath erinnert: „Als wir im Oktober 1944 auf die Flucht gingen, hatte Mutter eine große Milchkanne voll Kroffeln gebacken, die uns lange als Weißbrot oder Kuchenersatz dienten.“ R.G.


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