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16.02.13 / Lesespaß mit Hitler / Timur Vermes lässt den Führer auferstehen – Geniale Dialoge

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-13 vom 16. Februar 2013

Lesespaß mit Hitler
Timur Vermes lässt den Führer auferstehen – Geniale Dialoge

Viele Deutsche fragen sich, wie sie sich wohl verhalten hätten, wären sie selbst als erwachsene Zeitgenossen dem NS-Staat Adolf Hitlers ausgeliefert gewesen. Timur Vermes dreht diese Frage um: Wie verhielte sich Adolf Hitler, wenn er plötzlich unter uns leben müsste, im Berlin des beginnenden 21. Jahrhunderts?

Der Autor gießt die Antwort in eine bissige Satire, die ebenso rasend komisch ist, wie sie den Leser immer wieder ins Mark erschüttert. Die Geschichte: Hitler erwacht im Sommer 2011 auf einer Brache in Berlin-Mitte in seiner nach Benzin stinkenden Uniform. Wie das? Mit Erklärungen hält sich Vermes ebenso wenig auf wie der Hitler seines Buches: „Vorsehung“ eben.

Nachdem der Mann, der sich unverdrossen für den „Führer“ hält, die erste Irritation über sein jähes Wiederauftauchen hinter sich gelassen hat, kommt er bei einem Kiosk-Besitzer unter. Der macht ihn mit den Mitarbeitern einer TV-Produktionsfirma bekannt, die in Hitler einen genialen Komödianten zu entdecken meinen.

In der Firma steigt er schnell zum Star auf, hat am Ende gar seine eigene Sendung. Dabei leben Hitler und seine Umgebung in einem dauernden Missverständnis: Fernsehleute wie Zuschauer halten ihn für einen hochprofessionellen Hitler-Imitator, der sich glänzend verkaufen lässt. Er hingegen glaubt in seiner Produktionsfirma die Keimzelle einer neuen NS-Bewegung zu erblicken. Die Dialoge gipfeln daher oft in Pointen, die einem die Tränen in die Augen schießen lassen. Als etwa der Verdacht auftaucht, er könne ein echter Nazi sein, wird Hitler gefragt, wie es denn mit seinem „nationalsozialistischen Hintergrund“ beschaffen sei. Hitlers wahrheitsgemäße Antwort „Der ist einwandfrei!“ wird so verstanden, dass der vermeintliche Hitler-Darsteller keine braunen Flecken auf der Weste hat.

Timur Vermes wurde kritisiert, er verharmlose Hitler, ja, lasse ihn als sympathischen Kauz durchgehen. Der Autor verweist auf die zahlreichen Stellen, in denen er Hitler dessen brutale Ideologie ungefiltert formulieren lässt, oft mitten in zunächst äußerst witzigen Szenen. Vermes nennt das „Ohrfeigen aus dem Nichts“, die den amüsierten Leser völlig unerwartet treffen und ihn daran erinnern, wer mit Hitler als Ich-Erzähler vor ihnen steht.

Vor allem aber hält Vermes einer Gesellschaft den Spiegel vor, die alles zur Ware macht, was sie in die Finger bekommt: Wenn sich Hitler gut verkauft, dann nehmen wir eben auch den. Zudem kritisiert der Autor, dass Hitler in den gängigen Darstellungen ausschließlich als keifendes, schreiendes Monster vorgeführt werde. Auf diese Weise bleibe vollkommen im Dunkeln, wieso ihm so viele Menschen verfallen konnten. Das werde erst sichtbar, wenn man Hitlers Facettenreichtum beleuchte. Also einen „Führer“ zeige, der nicht bloß laut und brutal, sondern auch äußerlich geistreich, charmant und gewinnend auftreten konnte.

In jedem Falle ist Vermes mit „Er ist wieder da“ ein herrlicher Lesespaß gelungen. Hans Heckel

Timur Vermes, Er ist wieder da, Eichborn Verlag bei Bastei Lübbe, Köln 2012, 396 Seiten, 19,33 Euro


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